Bin ich toxisch? – 7 Kennzeichen

Von Birte Vogel

Bin ich toxisch? Das ist eine Frage, die sich viele Menschen stellen, wenn ihnen jemand aus ihrem Umfeld vorwirft, sie seien schwierig, es sei schwer, mit ihnen auszukommen, sie würden übertreiben, lügen und alles dramatisieren. Das Traurige daran ist, dass diese Vorwürfe viel zu häufig ungerechtfertigt sind. Bist du also toxisch? Und woran könntest du das erkennen?

Das Wort „toxisch“ bedeutet in seinem ursprünglichen, wissenschaftlichen Sinn giftig, (gesundheits-) schädlich. Im übertragenen und heute auch umgangssprachlichen Sinn bedeutet es: sehr bösartig, zermürbend, gefährlich, schädlich, zerstörerisch. So bezeichnen die meisten Menschen andere wirklich nicht leichtfertig. Bist du ein friedliebender, empathischer Mensch, der jedem Menschen mit Respekt begegnet, dann trifft dich der Vorwurf, angeblich toxisch zu sein, wahrscheinlich hart.

Bin ich toxisch? Warum der Vorwurf viel zu häufig falsch ist

Der Begriff „toxisch“ taucht laut DWDS in schriftlichen Quellen zum ersten Mal Ende des 17. Jahrhunderts auf, nimmt aber erst im 20. Jahrhundert so richtig Fahrt auf. Heute listet das Digitale Wörterbuch das Wort „toxisch“ sogar als Modewort. Denn es wird derzeit beinahe inflationär benutzt, es werden viele Menschen fälschlich als toxisch gelabelt. Leider vor allem ausgerechnet jene, die alles sind, aber nicht toxisch. Das Schwierige daran ist, dass gerade toxische Menschen ihre (nicht-toxischen) Opfer gerne toxisch nennen und diejenigen, bei denen sie noch austesten, ob sie sich als Opfer eignen.

Googelst du das Wort toxisch oder die Frage „Bin ich toxisch?“ erhältst du bereits zahlreiche Suchergebnisse zu dieser Frage. Viele davon stammen von Boulevardmedien und sogenannten „Frauenzeitschriften“. Und die machen das Ganze oft nur noch schlimmer. Denn häufig liest du dort nicht nur, dass du aus teils sehr weit hergeholten Gründen angeblich toxisch seist. Sondern es werden dir auch Tipps gegeben, mit deiner angeblichen „Toxizität“ vermeintlich besser umzugehen. Dabei machen viele dieser Tipps wahren Opfern toxischer Menschen das Leben nur noch schwerer als es so schon ist. Und das ist nicht nur verantwortungslos, sondern kann für die Opfer auch schädlich und sogar gefährlich sein.

Bist du toxisch? Finde es mit diesen 7 Kennzeichen heraus!

In dem Artikel „Ab wann ist ein Mensch toxisch?“ habe ich bereits einiges dazu geschrieben. Ich möchte hier aber noch einmal genauer auf sieben der wichtigsten Kennzeichen eingehen, anhand derer du einschätzen kannst, ob du wirklich selbst toxisch bist oder vielleicht doch eher die Person, die dich dessen bezichtigt hat oder mit der du selbst Schwierigkeiten hast. Hier sind diese Kennzeichen:

1. Wenig bis keine Empathie

Toxische Menschen bezeichnen sich selbst gerne als empathische Menschen, doch sie haben meistens nur Empathie für sich selbst. Anderen Menschen gegenüber empfinden sie nur wenig bis gar keine Empathie. Daher können und wollen sie die folgenden Dinge kaum oder gar nicht tun, die für empathische Menschen selbstverständlich sind:

  • Wirklich empathische Menschen können Gewalt weder ausüben noch es ertragen, wenn anderen, insbesondere wehrlosen Lebewesen Gewalt angetan wird.
  • Sie setzen nicht ihren eigenen Willen durch, sondern gehen Kompromisse ein, weil nur dieses Verhalten für sie logisch ist und einen Sinn ergibt. Und weil sie wissen, dass ein friedliches Zusammenleben nur so möglich ist.
  • Sie können gut und aktiv zuhören und sind deshalb beliebte Gesprächspartner:innen.
  • Sie können die Mimik und Körpersprache anderer lesen und weitgehend korrekt interpretieren. Sogar dann, wenn sie diese Menschen kaum oder gar nicht kennen.
  • Sie fühlen mit, wenn sie mitbekommen, dass es jemandem schlecht geht oder ein Unrecht geschieht.
  • Weil sie sich einfühlen können, verstehen sie ihr Gegenüber und sein Verhalten (es sei denn, das Gegenüber ist toxisch).
  • Sie können und wollen nachvollziehen, warum jemand etwas tut.
  • Sie kommen in einen Raum voller Menschen und können die Stimmung, die in diesem Raum herrscht, spüren und einordnen.
  • Die Stimmungen anderer übertragen sich oft auf sie – sie können davon meist nicht unbeeindruckt bleiben.
  • Sie haben ein Gespür für die Situation und finden die mehr oder weniger richtigen Worte, besonders, wenn es jemandem schlecht geht oder ein Mensch in Not ist. Und sie handeln entsprechend.
  • Es entspannt sie, Zeit mit ihren Freund:innen oder ihrer Familie zu verbringen (es sei denn, eine:r von denen ist toxisch).
  • Sie sind mit Menschen zusammen, weil sie sie mögen und schätzen, nicht, weil sie sich einen Vorteil davon versprechen.
  • Sie unterstützen und motivieren andere gerne, ebenfalls ohne selbst einen Vorteil davon zu haben.

Diese Dinge kennen toxische Menschen nicht von sich.

2. Starke Stimmungsschwankungen und Wutausbrüche

Toxische Menschen sind launisch und agieren dabei wie Kleinkinder, die noch nicht gelernt haben, ihre Gefühle zu regulieren. Bekommen toxische Menschen ihren Willen nicht, lassen sie ihre Wut an anderen aus. Auch andere Launen lassen sie einfach raus, egal, was sie anderen damit antun oder ob das in diesem Moment auch nur ansatzweise passend ist. Denn es ist ihnen egal, wie es anderen geht. Und sie sehen bei sich selbst keinen Fehler. Fühlen sich andere deshalb verletzt, sind die in ihren Augen selbst schuld. Über Gefühle sprechen? Sie sehen keinen Sinn darin. Ihr Verhalten aufgrund der Gefühle anderer zu ändern? Dafür sehen sie langfristig nicht den geringsten Bedarf, wenn es ihnen selbst nicht klare Vorteile bringt.

Nicht-toxische, empathische Menschen können auch mal wütend werden und, wenn sie bspw. unter Druck stehen, jemanden ungerechtfertigt anschnauzen. Und sie sagen auch mal etwas Unpassendes oder treten in Fettnäpfchen. Doch machen sie das nicht, weil ihnen die Gefühle anderer egal sind, sondern sie tun es aus Versehen. Es tut ihnen hinterher ehrlich leid, und sie können sich auch genauso ehrlich dafür entschuldigen (wie du toxische „Entschuldigungen“ erkennst, kannst du hier nachlesen). Nicht-toxische Menschen finden es richtig und wichtig, über Gefühle zu reden – über die eigenen und die ihres Gegenübers (es sei denn, es wurde ihnen aberzogen). Und sie sind bereit, aufgrund der Gefühle des Gegenübers, insbesondere, wenn es durch ihr Verhalten verletzt wurde, sich zu ändern. Das sagen sie nicht nur zu, sie ändern sich auch tatsächlich, so gut sie können oder geben sich wenigstens Mühe.

3. Selbstgerechte Anspruchshaltung

Für toxische Menschen gibt es nur einen wichtigen Menschen auf der Welt, und das sind sie selbst. Das heißt: Allein ihr Wille zählt, ihre Bedürfnisse gehen immer vor, ihnen steht nur das Beste zu, andere haben ihnen zu gehorchen und zu dienen, sich in der Reihe hinter ihnen einzuordnen, und das, was sie tun, ist immer richtig.

Ein typischer Satz toxischer Menschen ist: „Weißt du eigentlich, mit wem du es hier zu tun hast?“ Die renommierte klinische Psychologin Dr. Ramani Durvasula hat darüber gleich ein ganzes Buch geschrieben (das es allerdings bislang nur auf Englisch gibt): „Don’t you know who I am?: How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility“. Denn toxische Menschen sind der Ansicht, dass sie immer eine bessere Behandlung verdient haben als andere Menschen. Dass sie sich nicht anstellen und warten müssen, sondern das Recht haben, sich vorzudrängeln. Dass es egal ist, wie sie sich aufführen, weil andere ihnen gefälligst alles recht machen müssen. Dass Regeln und Gesetze nur für andere existieren, sie selbst sich aber nicht daran halten müssen. Und dass sie alles besser wissen als andere, selbst Expert:innen.

Nicht-toxische, empathische Menschen sehen sich als Teil der Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die bestimmte Regeln aufstellt, die allen in der Gemeinschaft dienen sollen, nicht nur einigen wenigen. Denn sie wissen, wenn es der Gemeinschaft gut geht, dann geht es ihnen auch gut. Sie drängeln sich vielleicht auch mal vor, und sie benehmen sich auch mal daneben, sie schummeln auch mal bei bestimmten Dingen – aber das sind immer Ausnahmen, und meistens haben sie anschließend ein schlechtes Gewissen oder sie hatten gute Gründe für dieses Verhalten. Zu diesen Gründen gehört nie, dass sie sich als etwas Besseres halten als andere und ihnen deshalb eine Vorzugsbehandlung zusteht.

4. Verlangen nach Macht und Kontrolle

Toxische Menschen wollen das Sagen haben. Sie wissen alles besser und können alles besser (glauben sie). Aufgrund dieser gefühlt allumfassenden Überlegenheit ist es ihrer Ansicht nach nur folgerichtig, dass sie die Macht haben sollten. Dabei ist es egal, ob das innerhalb der Familie, einer Freundschaft, im Beruf, finanziell, gesellschaftlich, wirtschaftlich oder politisch ist: Sie glauben, ihnen steht überall eine Vormachtstellung zu, auch dann, wenn sie von nichts eine Ahnung haben. Darum halten sie es für nötig und legitim, möglichst alles und alle um sie herum zu kontrollieren. Sie schrecken dabei auch nicht davor zurück, die Grenzen der Betreffenden zu überschreiten oder gegen Gesetze zu verstoßen. Sei es bspw., dass sie jemanden stalken oder dass sie ohne das Wissen und Einverständnis einer Person eine Spionageapp auf deren Handy installieren, deren Post öffnen usw.

Nicht-toxische Menschen kämen überhaupt nicht auf die Idee, solche Dinge zu tun. Sie wissen, wo ihr Platz in dieser Gesellschaft ist. Möchten sie einen höheren Rang erreichen, wissen sie, dass sie dafür arbeiten müssen und es nicht garantiert ist, dass sie ihn auch erreichen. Sie schätzen ihre Freiheit und ihre Rechte, und sie respektieren die Freiheit und die Rechte der anderen.

5. Respektlosigkeit

Toxische Menschen haben meist keinerlei Respekt für irgendjemanden übrig, außer für sich selbst. Sie betrachten andere Menschen als Werkzeuge, die ihnen dazu dienen müssen, ihren Willen zu bekommen, und die sie nach eigenem Ermessen be- und ausnutzen können. Für das meiste andere sind sie ihrer Ansicht nach wertlos.

Nicht-toxische Menschen behandeln andere Menschen mit Respekt, mit (meist ehrlichem) Interesse, und sie sehen in ihnen verletzliche Wesen wie sie selbst eins sind. Sie betrachten andere (nicht-toxische) Menschen meist als Chance, von ihnen zu lernen und mit ihnen zu wachsen.

6. Manipulation & Gaslighting

Um ihre Ziele zu erreichen, manipulieren toxische Menschen andere nach Lust und Laune. Wie Marionetten sollen die all das machen, was ihren Zielen dient. Doch weil Menschen sich in unserer Zeit nicht so einfach wie Marionetten herumschubsen lassen, greifen toxische Menschen zu einem ihrer perfidesten Mittel: dem Gaslighting Fragezeichen © Toxiversum. Sie belügen, betrügen, manipulieren und verunsichern ihr Gegenüber so sehr, dass es seiner eigenen Wahrnehmung, seinen Fähigkeiten, Erfahrungen und Erinnerungen nicht mehr traut. Es stützt sich deshalb zunehmend auf den toxischen Menschen und ist auf diese Weise leichter zu kontrollieren und zu führen.

Nicht-toxische Menschen finden diese Verhaltensweisen abscheulich. Sicher, eine Notlüge haben wahrscheinlich alle schon mal benutzt. Aber jemanden gezielt und bewusst zu manipulieren und zu zerstören, käme ihnen im Normalfall nie in den Sinn.

7. Abwertung, Demütigung, Herabwürdigung

Ein sehr gut erkennbarer Teil des Gaslightings und der Manipulation ist der Umgang toxischer Menschen mit jenen, die sie sich als Opfer ausgesucht haben. Denn die werten sie immer wieder ab, demütigen sie und behandeln sie äußerst unwürdig. Für Außenstehende scheint das oft „nur eine Entgleisung“ oder „dem Stress geschuldet“ zu sein oder liege daran, dass das Opfer sich „zu sehr sträube“ oder „wirklich schwierig“ sei. In Wahrheit aber steckt auch dahinter Methode. Und es ist toxischen Menschen auch hierbei meist völlig egal, was sie mit ihrem Handeln bei ihrem Opfer anrichten.

Nicht-toxische Menschen dagegen ärgern sich natürlich auch manchmal über jemanden. Sie sind keine Heiligen. Doch sie behandeln ihr Gegenüber mit Respekt und Mitgefühl – nicht herablassend und egoistisch.

Was nützt es dir zu wissen, ob du toxisch bist oder nicht?

Also, bist du toxisch? Oder findest du unter den oben genannten toxischen Eigenschaften und Verhaltensweisen eher die Person wieder, die behauptet hat, du seist toxisch? Oder vielleicht findest du euch beide nicht wieder?

In der Regel sind Menschen, die sich selbst fragen, ob sie toxisch sind, nicht toxisch. Denn toxische Menschen zweifeln selten an sich, hinterfragen sich auch nicht und halten sich überwiegend für völlig normal und in Ordnung, so wie sie sind. Nicht-toxische Menschen hingegen sind oft voller Zweifel und hinterfragen sich immer wieder. Glaubst du dennoch, möglicherweise toxisch zu sein, dann lies dich einmal durch die anderen Artikel hier auf dem Portal und schau, ob du dich z. B. im Toxischen Bullshit-Bingo oder in den Warnsignalen beim Kennenlernen wiedererkennst (Links s. u.). Ist das tatsächlich der Fall, kannst du diese Dinge in einer Therapie aufarbeiten und dein Verhalten ändern, um anderen Menschen nicht mehr zu schaden.

Bist du aber nicht toxisch, dann kannst du jetzt toxische Menschen immerhin etwas leichter erkennen. Mit diesem Wissen kannst du dich auch besser gegen ihr bösartiges, zermürbendes, gefährliches, schädliches, zerstörerisches Verhalten schützen. Was du jedoch nicht tun solltest, ist, ihnen zu sagen, dass sie toxisch sind. Warum nicht, kannst du im Artikel „Soll ich dem toxischen Menschen sagen, dass er toxisch ist?“ nachlesen.

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