Toxische Warnsignale: Entschuldigungen, die keine sind

Toxische Warnsignale sind häufig subtil. Ein solches Signal sind die „Entschuldigungen“ toxischer Menschen. Sie stehen hier in Anführungszeichen, weil sie keine wahren Entschuldigungen sind. Sie klingen nur so, und wer nicht genau hinhört, wird denken, sie waren echt. Aber woran kannst du die falschen Entschuldigungen erkennen?

Entschuldigungen sind ein wichtiger Teil unseres alltäglichen Miteinanders. Sie sind dafür da, das Gleichgewicht in einer Beziehung wieder herzustellen, das wir durch unser Handeln oder Reden gestört haben. Ist uns ein Missgeschick passiert, entschuldigen wir uns dafür. Haben wir einen Fehler gemacht, entschuldigen wir uns dafür. Haben wir gegen feststehende Regeln verstoßen oder jemanden verärgert oder verletzt, entschuldigen wir uns dafür. Nicht so toxische Menschen. Sie tun zwar so, als würden sie sich entschuldigen, doch sind ihre Entschuldigungen häufig nicht das, was wir als solche verstehen.

So klingt eine aufrichtige Entschuldigung

Eine aufrichtige Entschuldigung klingt in Tonlage und Lautstärke zurückgenommen, ehrlich und geradeaus. Sie besteht aus wenigen, aber klaren Worten, die unmissverständlich transportieren, dass wir eingesehen haben, uns falsch verhalten zu haben. Diese Worte sind z. B.:

  • Es tut mir leid.
  • Bitte verzeih mir.
  • Entschuldige bitte.

Und es können Zusätze wie diese hinzukommen:

  • Es tut mir leid, dass ich dich verletzt/verärgert habe.
  • Bitte entschuldige, das habe ich nicht so gemeint.
  • Bitte verzeih, das habe ich nicht gewollt.
  • Entschuldige bitte, mein Verhalten ist mir wirklich unangenehm/peinlich.
  • Verzeih mir bitte. Ich verspreche, es kommt nicht wieder vor.

Und im Anschluss an die Entschuldigung geben wir uns spürbar Mühe, das Fehlverhalten nicht zu wiederholen.

Natürlich hängt die Formulierung einer Entschuldigung immer auch von der Schwere des Vergehens ab. Aber diese kurzen Sätze sind in sehr vielen Fällen, wenn die Entschuldigung aufrichtig gemeint und transportiert wird, völlig ausreichend. Bei toxischen Menschen ist das ganz anders.

So klingt eine toxische „Entschuldigung“

Von toxischen Menschen erhält man meist keine aufrichtige Entschuldigung. Sie werfen dir eine Formulierung hin, von der sie glauben, sie klänge wie eine Entschuldigung. Und manche von ihnen bekommen sogar den Tonfall relativ gut hin. Menschen, die nicht so genau hinhören oder die schon einige Zeit von einem toxischen Menschen manipuliert wurden, glauben deshalb, dass der toxische Mensch diese Entschuldigung ernst meint. Das tut er zwar meistens nicht, aber er kommt trotzdem damit durch. Einige perfektionieren ihre Art, sich zu entschuldigen, im Laufe der Jahre, bis ihre Entschuldigungen nur kaum von echten zu unterscheiden sind. Andere machen sich gar nicht erst die Mühe, weil es ihnen völlig egal ist, welche Folgen ihr Handeln für andere hat, da sie sich ohnehin immer als etwas Besseres, Überlegenes fühlen. Gemein haben sie aber, dass kaum ein toxischer Mensch auch nur eine Sekunde Schlaf wegen einer solchen Sache verliert, deretwegen sich andere nächtelang den Kopf zerbrechen würden.

Doch woran kannst du eine toxische „Entschuldigung“ nun erkennen? Z. B. daran:

  1. Die Entschuldigung steht nicht für sich, es kommt ein Aber hinzu als Entschuldigung von der Entschuldigung oder, besser gesagt, als Rücknahme der Entschuldigung. Beispiel:
    Bitte verzeih mir, aber dein Verhalten hat mich so geärgert, dass mein Wutanfall die logische Folge war.
  2. Sie rechtfertigen ihr Verhalten. Häufig ist darin ein Vorwurf gegen dich enthalten oder sogar ein Angriff. Beispiel:
    Es tut mir leid, dass du dich verletzt/angegriffen fühlst. Aber warum nervst du mich auch immer so?!
  3. Sie behaupten, es sei alles nur ein Missverständnis deinerseits gewesen:
    Entschuldige, aber das hast du völlig falsch verstanden.
  4. Sie sagen, du würdest es gar nicht verstehen, selbst wenn sie es dir jetzt erklären würden:
    Das verstehst du sowieso nicht.
  5. Sie befinden, es sei doch gar nicht so schlimm:
    Nun hab dich doch nicht so, das war doch noch gar nichts!
  6. Sie behaupten, sie hätten Verständnis dafür, dass du verletzt bist. Aber die Worte „entschuldige“, „verzeih“ oder „tut mir leid“ kommen darin nicht vor:
    Ich verstehe, dass du verletzt bist/dich ärgerst.
  7. Sie greifen direkt an und behaupten, du würdest „übertreiben“, seist „viel zu emotional“, „hysterisch“ oder „viel zu empfindlich“. Und es sei doch nun wirklich lächerlich, sich darüber aufzuregen – hierbei kommt dann gern die Projektion mit ins Spiel:
    Sei doch nicht immer so hysterisch! Du stellst dich immer an wie ein kleines, trotziges Kind!
  8. Sie kramen in der Mottenkiste und holen einen deiner tatsächlichen oder angeblichen Fehler hervor, den sie dir nun vorhalten:
    Du willst von mir eine Entschuldigung? Was war denn letzten Monat, als du mich … genannt hast. Habe ich da von dir eine Entschuldigung erhalten? Nein, habe ich nicht! Aber jetzt willst du, dass ich mich bei dir entschuldige? Ganz sicher nicht! Ich erwarte eine Entschuldigung von dir!
  9. Auch sehr gern genommen wird, wahlweise mit Augenverdrehen, theatralischem Seufzen, Schulterzucken oder Kopfschütteln:
    Ja, ja, jetzt komm mal wieder runter. Ich entschuldige mich ja schon!
  10. Und nicht zuletzt gibt es Ablenkungsmanöver, je nach Art der Beziehung bspw. Sex oder:
    Ach, komm, Schwamm drüber, lass uns was trinken gehen. oder Ist ja gut jetzt. Ich habe übrigens mit XY über die Möglichkeit einer Beförderung für dich gesprochen.

All diese Formen der „Entschuldigungen“ gehören zu der toxischen Methode des Gaslightings Fragezeichen © Toxiversum. Und toxische Menschen werden hinterher immer behaupten, sie hätten sich doch entschuldigt, obwohl sie das in Wirklichkeit nie getan haben und wahrscheinlich nie tun werden, schon gar nicht aufrichtig. Und sie werden die gleichen Fehler und Verletzungen wiederholen.

Sorry seems to be the hardest word?

Spätestens seit 1976 wissen wir, dass Entschuldigungen sehr, sehr schwer sein können. Der britische Sänger Elton John sang damals einen seiner bekanntesten Songs, „Sorry seems to be the hardest word“, der im Lauf der Jahrzehnte von zahlreichen Bands und Sänger:innen immer wieder neu aufgelegt wurde. Denn geändert hat sich seitdem absolut nichts daran, dass uns eine Entschuldigung wirklich nicht immer leicht über die Lippen geht. Die Gründe dafür sind vielfältig, und doch ist die Tatsache, dass viele Menschen Schwierigkeiten damit haben, ihre Schuld einzugestehen und ihr Gegenüber um Ent-Schuldigung zu bitten, etwas ganz anderes als das, was toxische Menschen tun.

Toxische Menschen glauben immer, sie seien das eigentliche Opfer. Alle anderen seien schuld daran, dass toxische Menschen sich ihnen gegenüber falsch verhalten. Dass sie sie belügen „müssen“ und „gar nicht anders können“ als die anderen zu verletzen. Sie selbst übernehmen selten bis nie Verantwortung für ihr Handeln. Daher finden sie auch, dass es gar keinen Grund gibt, sich zu entschuldigen. Im Gegenteil, eigentlich müsste sich ihrer Ansicht nach ihr Gegenüber bei ihnen entschuldigen. Irgendein vermeintliches Fehlverhalten oder eine angebliche Verletzung werden sie dafür sehr schnell parat haben. Häufig ist das allerdings Projektion Fragezeichen © Toxiversum, also etwas, das sie selbst getan haben, aber ihrem Gegenüber in die Schuhe schieben.

Wie kannst du sicher sein, dass diese „Entschuldigungen“ toxische Warnsignale sind?

Toxische Menschen tun so, als würden sie sich entschuldigen, wenn es ihren Zielen irgendwie nützlich sein könnte (meist Anerkennung, Kontrolle, Macht und/oder Geld). Doch kannst du, wenn du genau hinhörst, häufig heraushören, ob diese Entschuldigung aufrichtig gemeint oder nur Mittel zum Zweck ist.

Falls es dir schwerfällt, dies anhand der Worte und des Tons herauszuhören, achte einmal darauf, was für ein Gefühl du hast, wenn dich das nächste Mal jemand um Entschuldigung bittet. Oft sagt dir deine Intuition durch eine ganz leichte oder sogar recht deutliche körperliche Reaktion (z. B. Magendrücken, Herzstolpern oder ein Gefühl der plötzlichen inneren Leere) oder durch einen leisen Zweifel im Hinterkopf, dass an dieser vermeintlichen Entschuldigung irgendetwas faul ist.

Mach dir im Zweifel sofort im Anschluss Notizen: Was ist passiert? Mit welchen Worten und in welchem Ton hat dich dein Gegenüber um Entschuldigung gebeten? Und wie war deine instinktive Reaktion, bevor du diese Reaktion als falsch/übertrieben/zu empfindlich/hysterisch usw. verworfen und durch eine andere, von dem/einem toxischen Menschen erlernte Reaktion ersetzt hast?

Hast du es länger mit diesem Menschen zu tun, kannst du auf diese Weise nachverfolgen, ob sich ein solches Fehlverhalten wiederholt oder nicht. Ob die vermeintlichen Entschuldigungen aufrichtig gemeint waren. Oder ob sie nur dazu dienten, dich erst einmal zum Schweigen zu bringen, dazu, dich zurückzuziehen, dich nicht mehr zu wehren, dich selbst zu hinterfragen und deiner eigenen Wahrnehmung, deinem Instinkt nicht mehr zu vertrauen.

Das Gute an dieser Übung ist, dass du auf diese Weise auch trainieren kannst, wieder auf deine Intuition zu hören. Denn die ist im Originalzustand dein bester und zuverlässigster Warnsignal-Detektor – nur ist der während einer Beziehung zu einem toxischen Menschen häufig außer Betrieb. Ärgere dich deshalb nicht, wenn du diesen winzigen Moment, in dem deine Intuition dir das Warnsignal meldet, verpasst oder übersiehst oder du das Signal wieder übergehst. Du musst erst wieder trainieren, darauf zu hören. Behandle dich selbst bis dahin nach Möglichkeit mit liebevoller Geduld.

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