Toxische Menschen machen uns krank – das steht gleich vorne auf der Startseite des Toxiversums. Immer wieder beschreibe ich hier, welche oft gravierenden Auswirkungen das Verhalten, also die Gewalt toxischer Menschen auf uns haben kann. Doch lassen sie uns auch schneller altern? Was besagt eine neue Studie?
Was berichten Opfer darüber, wie toxische Menschen sie krank machen?
Es ist aus meiner Sicht unerlässlich, nicht nur eine wissenschaftliche Basis rund um das Thema der toxischen Gewalt zu haben, sondern auch den Opfern zuzuhören. Das wird in Deutschland viel zu selten getan, besonders in der Strafverfolgung, den Medien und der Politik. Denn wir sind eine Gesellschaft, die eine starke Faszination mit Täter:innen hat, für deren Opfer jedoch oft nur Verachtung.
Was also berichten Opfer toxischer Menschen darüber, auf welche Weisen toxische Gewalt ihre körperliche Gesundheit beeinträchtigt hat? Hier eine (unvollständige) Liste mit sehr typischen Folgen:
- Nebel im Kopf,
- unerklärliche, manchmal chronische Schmerzen, die sogar noch anhalten, wenn der toxische Mensch längst aus ihrem Leben verschwunden ist, z. B. Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Schmerzen in den Gelenken,
- ständige Anspannung und daraus entstehende Muskelschmerzen (z. B. steifer Nacken),
- immer wiederkehrendes Vibrieren im Körper, kaum, dass sie sich endlich für einen Moment entspannen könnten,
- hoher Blutdruck,
- Lungenprobleme (z. B. chronische Bronchitis),
- Magen-Darm-Probleme (z. B. Reizdarm, Magenschleimhaut-Entzündungen, häufiger Durchfall oder Verstopfung),
- Haarausfall,
- Hautreaktionen (z. B. Ausschlag, Jucken),
- Verschlechterung der Sehfähigkeit,
- Verlust eines Teils der Hörfähigkeit (Hörsturz),
- Schlaflosigkeit,
- körperliche Schwäche und existenzielle Erschöpfung,
- Veränderung im Menstruationszyklus oder Ausbleiben der Menstruation,
- Autoimmunkrankheiten, also Krankheiten, bei denen das eigene Immunsystem nicht nur Krankheitserreger, sondern auch die eigenen, gesunden Körperzellen angreift,
- u. v. m.
Die meisten Opfer berichten, dass sie nicht nur eine dieser Folgen erlebt haben, sondern mehrere. Und manche berichten, dass sie einige Folgen bei einem bestimmten toxischen Menschen erlebt haben und andere Folgen bei anderen toxischen Menschen. Und sie erlebten, je stärker die Gewalt ausgeprägt war oder ist, häufig auch stärkere und mehr körperliche Folgeschäden. Manche davon, wie der Hörsturz, irreversibel.
Und ich habe hier nur typische körperliche Folgen erwähnt – die emotionalen und psychischen Folgen können ein ähnliches Ausmaß haben und ähnlich gravierend sein.
All diese Folgen sind also nichts, was man mal eben abtun kann mit Sprüchen wie: „Stell dich doch nicht so an. Ist doch alles gar nicht so schlimm.“ oder „Es ist doch vorbei. Komm endlich mal drüber weg!“ Es sind gravierende Folgen, die das Leben der Betroffenen langjährig stark beeinträchtigen können, vielleicht sogar lebenslang. Und die auch ihre Teilhabe an der Gesellschaft und ihre Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen können.
Dies wiederum kann große Löcher in die Budgets der Krankenkassen und der Arbeitgebenden reißen. Löcher, die – ganz nebenbei gesagt – weitgehend vermeidbar wären, würden wir als Gesellschaft endlich gemeinsam toxischen Menschen konsequent klare Grenzen setzen und ihre Gewalt stärker ahnden.
Toxische Menschen machen uns krank. Aber lassen sie uns auch schneller altern?
Viele der oben aufgelisteten körperlichen Folgen und noch manch andere fasste 2004 der Arzt und Trauma-Experte Dr. Gabor Maté in seinem Buch „Wenn der Körper nein sagt“ zusammen. Er stützte seine Aussagen auf diverse Studien sowie eigene Erfahrungen mit Patient:innen in seiner Praxis.
Und nun hat ein Team um den Soziologen Dr. Byungkyu Lee von der New York University das Ganze noch stärker wissenschaftlich untermauert. Im Februar 2026 haben sie im Journal der amerikanischen National Academy of Sciences (PNAS) die Studie „Negative Social Ties as Emerging Risk Factors for Accelerated Aging, Inflammation, and Multimorbidity“ veröffentlicht. Zu Deutsch:
Negative soziale Bindungen zeichnen sich als Risikofaktoren für beschleunigtes Altern, Entzündungen und Mehrfacherkrankungen ab.
Gegenstand der Untersuchung von Lee et al. waren nicht explizit toxische, also narzisstische, psychopathische oder soziopathische Menschen. Vielmehr wurden die Auswirkungen von „hasslers“ untersucht, also von Menschen, die viel streiten, die ihr Gegenüber immer wieder drangsalieren und schikanieren.
Klingt bekannt? Richtig, das könnten natürlich 1:1 toxische Menschen sein. Allerdings sind nicht alle „hasslers“ automatisch toxisch, denn wahrscheinlich sind nicht alle manipulativ und systematisch gewalttätig. Doch alle toxischen Menschen sind definitiv solche „hasslers“. Diese Studie können wir also auch auf toxische Menschen und die Folgen ihres Verhaltens beziehen.
Die Ergebnisse der Studie von Lee et al.
Lee et al. haben untersucht, wie sich negative soziale Bindungen auf das biologische Altern und den Körper auswirken (z. B. durch Entzündungen oder Mehrfacherkrankungen). Sie schreiben, mindestens 30 Prozent der untersuchten Menschen hätten von mindestens einer schikanierenden Person in ihrem Umfeld berichtet. Menschen, die sozial oder gesundheitlich verletzlich seien (z. B. Frauen, Menschen mit angegriffener Gesundheit und Menschen mit schlimmen Kindheitserfahrungen), hätten häufiger davon berichtet, schikanierende Personen in ihrem Umfeld zu haben.
Die Studie stellte Folgendes fest:
Jeder schikanierende Mensch in unserem Umfeld kostet uns biologisch neun Monate Lebenszeit. Und je mehr schikanierende Menschen wir in unserem Umfeld haben, desto schneller altern wir und desto größer sind die Risiken für unsere körperliche Gesundheit.
Außerdem fanden die Forschenden heraus, dass die Auswirkungen der Schikanen von der Art der Beziehungen abhingen. Dabei hatten Schikanen innerhalb enger familiärer Beziehungen (Eltern, Geschwister), die wir uns nicht aussuchen können, deutlich stärkere Folgen als Schikanen durch „freiwillig ausgewählte“ Personen z. B. am Arbeitsplatz. Doch auch die etwas oberflächlicheren Belastungen am Arbeitsplatz, durch Nachbar:innen oder andere Menschen können gravierende Auswirkungen haben.
Interessanterweise wurden die Folgen innerhalb partnerschaftlicher Beziehungen als nicht so gravierend dargestellt. Nach Ansicht der Forschenden liegt das daran, dass es in intimen (selbst gewählten) Beziehungen eine ambivalente Mischung aus Unterstützung und Verpflichtung gibt, die die Folgen der Schikanen womöglich abpuffern können.
Zusammengefasst: Die negativen sozialen Beziehungen können unsere physiologische Widerstandsfähigkeit schwächen und das Altern sowie die Entwicklung von Mehrfacherkrankungen beschleunigen. Die Studie unterstreicht außerdem, dass die Auswirkungen durch negative soziale Bindungen den Auswirkungen durch große psychosoziale und umweltbedingte Stressoren in nichts nachstehen.
Was bedeutet das für Beziehungen jeder Art mit toxischen Menschen?
Allerdings wurden die Beziehungen in der Studie – wie oben schon erwähnt – nur auf die Folgen durch schikanierende Menschen überprüft. Die Folgen durch systematische, toxische Gewalt wurden jedoch nicht zusätzlich untersucht. Die aber kann, wie wir wissen, extrem und in vielfacher Form auftreten. Und sie kann ebenfalls all jene Folgeschäden verursachen, wie oben beschrieben.
Zieht man also hinzu, dass toxische Gewalt auch aufgrund ihrer Systematik und Absichtlichkeit um ein Vielfaches schlimmer ist als bloße Schikanen (ohne diese abwerten zu wollen!), müssen wir davon ausgehen, dass uns toxische Gewalt deutlich schneller altern lässt, unsere Widerstandskraft deutlich stärker schwächt und zu deutlich mehr Folgeschäden führt.
Es bleibt zu hoffen, dass die Studie von Lee et al. weitere Studien nach sich ziehen wird, die die Auswirkungen narzisstischer, psychopathischer und soziopathischer Gewalt auf die körperliche Gesundheit und das Altern untersuchen.
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