Sexualität mit toxischen Menschen: Woran erkennst du, ob das Sex oder Gewalt ist?

Von Birte Vogel

Sexualität mit toxischen Menschen kann überwältigend sein, aber auch das genaue Gegenteil. Und allzu oft handelt es sich dabei nicht um Sex, sondern um Gewalt. Nur ist das manchmal schwer auseinanderzuhalten, weil wir diese toxischen Warnsignale (Red Flags) nie gelernt haben. Woran kannst du also erkennen, ob du Sex oder absichtliche, systematische Gewalt erlebst?

Eigentlich müsste dieses Wissen schon längst Bestandteil des Sexualkunde- und Ethik-Unterrichts in den Schulen sein. Doch nicht nur unser Bildungssystem, auch Politik, Behörden, Medien und Kulturwirtschaft versagen sehr häufig, wenn es darum geht, Kindern wie Erwachsenen klarzumachen, wo die Grenzen zwischen Sex und Gewalt liegen.

Gewalt in der Sexualität mit toxischen Menschen wird verharmlost

Das können wir u. a. daran erkennen, auf wie viel Widerstand jede einzelne Bemühung trifft, das Strafrecht zu reformieren. Wie endlos lange es dauert, Gesetze in alltägliches Handeln umzusetzen. Bestes Beispiel: die Istanbul-Konvention, das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und von häuslicher Gewalt. Diese Konvention wurde 2011 von der EU beschlossen, trat aber erst 2018 (!) in Deutschland in Kraft. Und bis heute ist sie in erschreckend wenigen Gerichtssälen bekannt und wird entsprechend selten angewendet. Was immer zum Vorteil der Täter und zum Nachteil der Opfer ist. Collien Fernandes hat deshalb absolut recht, wenn sie von Deutschland als einem „Täterparadies“ spricht.

Aber auch politisches Wahlverhalten, wenn es um das Thema sexuelle Gewalt geht, ist erschreckend. Du erinnerst dich vielleicht daran, dass Friedrich Merz noch 1997 dagegen stimmte, Vergewaltigung in der Ehe zu bestrafen. Er hat sich nie glaubwürdig von seinem Wahlverhalten distanziert, geschweige denn, sich dafür entschuldigt. Dennoch konnte er (wenn auch erst im 2. Wahlgang) Bundeskanzler werden. Und 2026 haben im EU-Parlament ganze 17 % der deutschen Abgeordneten gegen die Einführung der Definition „Nur ja heißt ja“ für einen Vergewaltigungs-/Strafrahmen gestimmt. Zwar waren das ausnahmslos Mitglieder der Rechtsextremen in der EU, unfassbar und erschreckend ist es dennoch. Zumal „nur ja heißt ja“ noch lange nicht ausreichend ist!

Die mediale und kulturelle Verharmlosung von Gewalt ist nicht weniger skandalös. Immer wieder ist da von angeblichen „Familientragödien“ die Rede, von „Gewalt aus Leidenschaft“ und von der unfassbaren Frage, was das Opfer an hatte oder wie betrunken es wohl war. Und in Büchern, Filmen und Serien werden Täter:innen meist nur als schlimmste Gewalttäter:innen gezeigt, aber die alltägliche Gewalt, die so unendlich viele hinter verschlossenen Türen erleben, kommt so gut wie nicht vor. Wenn, dann heißt es da häufig, es wäre ein angeblich „einmaliger Ausrutscher“ gewesen, und die Täter:innen würden ernsthaft bereuen und sich ändern wollen. Was der Realität nicht einmal im Ansatz entspricht.

All das verhindert, dass wir früh genug lernen, was Gewalt wirklich ist, mit welchem Verhalten sie bereits anfängt. Es verhindert, dass toxischen Menschen endlich die nötigen strafrechtlichen Grenzen gesetzt werden. Und dies befähigt sie, weiter Gewalt auszuüben. Gerade im Bereich der Sexualität, dieser großen Intimität zwischen zwei Menschen, kann das den Opfern enorme und langfristig anhaltende Probleme einbringen.

Zum einen geschehen diese Taten meist hinter verschlossenen Türen, es gibt also keine Zeug:innen, was die juristische Ahndung der Gewalt erschwert. Zum anderen ist Sexualität ohnehin in unserer Gesellschaft von viel Scham und Schweigen begleitet. Wir haben wenig bis gar keine Ahnung davon, welche Folgen sexuelle Gewalt für die Opfer haben kann, weil kaum jemand darüber spricht. Und so führt ein Faktor nach dem anderen dazu, dass sexuelle Gewalt bis heute systematisch verharmlost wird. Und dass ihr reales Ausmaß und all ihre Varianten kaum bekannt sind oder anerkannt werden.

Sexuelle Gewalt ist Teil der häuslichen Gewalt

Unser Strafrecht stuft bestimmte Gewalthandlungen im (ex-) partnerschaftlichen Rahmen als strafbare „häusliche Gewalt“ ein. Welche Gewalthandlungen das sind, kannst du hier nachlesen: Was ist häusliche Gewalt? Und woran erkennst du sie?

Sexuelle Gewalt ist eine dieser strafbaren Handlungen. Sie besteht aus drei Untergruppen:

  • sexueller Belästigung,
  • sexuellen Beleidigungen und
  • unerwünschten sexuellen Gewalthandlungen inkl. Vergewaltigung.

Was jeweils darunter fällt, ist im Strafrecht allerdings nicht definiert, der Interpretationsspielraum ist riesig. Zwischen dem, was ein:e Täter:in als (angeblich „einvernehmlichen“) „Sex“ deklariert und was ein Opfer als Gewalt empfindet, können Welten liegen. Mangels Wissen um die Istanbuler Konvention wird vieles vor Gericht nicht einmal als Gewalt anerkannt, was schon seit Jahren per Gesetz bestraft werden müsste.

Aber leider wissen auch viele Opfer gar nicht, dass sie sexuelle Gewalt erleben. Denn die besteht aus weit mehr als nur den drei o. g. Untergruppen. Im Folgenden ein paar der häufigeren Beispiele.

Typische sexuelle Gewalt durch toxische Menschen

In den meisten Beziehungen mit einem toxischen Menschen kommt es früher oder später auch zu sexueller Gewalt. Die kann sehr unterschiedlich aussehen und mit anderen Gewaltformen (z. B. psychischer, körperlicher oder digitaler Gewalt) überlappen. Nicht alles davon ist derzeit schon strafbar – dennoch handelt es sich bei all dem, was ich beschreibe, um toxische Gewalt.

Warum? Weil ein toxischer Mensch diese Gewalt mit voller Absicht ausübt, um seinen Willen durchzusetzen und seine üblichen Ziele (Macht, Kontrolle und Dominanz) zu erreichen. Ohne Rücksicht auf dich, dein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, deine Gefühle, deine Bedürfnisse, deine Verletzungen und dein Wohlbefinden.

Vergewaltigung während du schläfst

Wenn du nachts endlich schlafen kannst (toxische Menschen halten ihre Opfer nämlich gerne bis tief in die Nacht mit Endlos-Diskussionen wach), dann bist du bei einem toxischen Menschen nicht sicher. Viele Opfer berichten, dass sie mitten in der Nacht aufgewacht sind, weil der toxische Mensch an ihnen ohne ihre Zustimmung unerwünschte sexuelle Handlungen durchführte. Im Schlaf kannst du natürlich keine Zustimmung erteilen. Deshalb ist dies Vergewaltigung und strafbar.

Viele toxischen Menschen reden sich dann gerne heraus und behaupten, du hättest ganz klar ja gesagt. Oder ihr wärt verheiratet, und deshalb sei das sein Recht. Oder sie behaupten, sie würden „schlafwandeln“ und hätten „gar nichts davon mitbekommen“ (weshalb das auch nicht strafrechtlich verfolgbar wäre). Doch ist all das natürlich gelogen. Denn toxische Menschen wollen für ihr Verhalten und ihre Gewalt so gut wie nie Verantwortung übernehmen. Sie wollen sich einfach nur all das nehmen, von dem sie der Ansicht sind, es würde ihnen zustehen (tut es natürlich nicht).

Extremer Egoismus

Toxische Menschen bauen durch Love-Bombing Fragezeichen © Toxiversum und andere Methoden eine hohe Erwartungshaltung bei ihren Opfern auf. Zum einen die Erwartung, dass dieses positive Verhalten Normalzustand ist und bleiben wird. Zum anderen die Erwartung, dass der Sex ungefähr analog zu allem anderen sein und bleiben wird, z. B. zu den großen Gefühlen, die toxische Menschen ihrem Opfer vorspielen.

Vielleicht ist der Sex anfangs auch eine Zeitlang fantastisch, eventuell sogar der beste Sex deines Lebens. Was insbesondere dann passiert, wenn der toxische Mensch über sich selbst (auch mal ohne zu lügen) prahlen können möchte, dass er dir die besten Orgasmen deines Lebens beschert hat. Allerdings fühlt es sich für dich vielleicht nur performativ an. D. h. du spürst tief drinnen, dass er das gar nicht dir zuliebe macht, um dir ein schönes, befriedigendes Erlebnis zu geben. Sondern dass er das nur für sich selbst und das eigene Ego macht. Dass du ihm eigentlich egal bist, dass du austauschbar bist. Sein Verhalten dauert meist nur so lange an, bis er das Interesse an dir verliert, was meist ziemlich bald ist.

Sehr häufig ist der Sex jedoch auf andere Weise von dem Egoismus des toxischen Menschen geprägt. Er weckt in dir all diese Gefühle, und du glaubst, der Sex wird ähnlich schön und gut. Doch dann geht es diesem Menschen immer nur um seinen eigenen Orgasmus. Danach ist sofort Schluss. Möchtest du selbst ebenfalls einen Orgasmus erleben, musst du alleine dafür sorgen. Aber bitte schön leise, denn dieser Mensch findet es ganz normal, wenn er sich einfach umdreht und schläft, während du dich verwundert fragst, was denn jetzt los ist.

Dieser Egoismus toxischer Menschen ist auf die Dauer nicht nur sehr unbefriedigend im wahrsten Sinne des Wortes. Es untergräbt auch deine eigene Sexualität, deine Handlungsmacht und dein Selbstwertgefühl. Denn dieser Mensch zeigt dir, dass du für ihn nichts weiter bist als ein Werkzeug, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Deine Bedürfnisse interessieren ihn im Bett genauso wenig wie jenseits des Schlafzimmers.

Das kann dazu führen, dass du dich als Mensch zunehmend wertlos, ungeliebt, ausgenutzt und vielleicht sogar beschmutzt und klein fühlst. Vielleicht bist du auch total verwirrt und denkst, irgendetwas würde mit dir selbst nicht stimmen (was aber falsch ist, mit dir ist alles in Ordnung!). Sprichst du diese Dinge an, verspricht dieser Mensch fürs nächste Mal Besserung (die nie kommt), oder er wird wütend, abweisend, abwertend oder schweigt dich an.

Verweigerung als Waffe

Egal, wie gut oder schlecht der Sex mit einem toxischen Menschen ist, egal wie häufig oder selten: Er wird ihn früher oder später auch als Waffe einsetzen. Z. B. um dich unter Druck zu setzen, dich zu erpressen oder auch, um dich für irgendein angebliches (meist frei erfundenes oder projiziertes Fragezeichen © Toxiversum) „Fehlverhalten“ zu bestrafen.

Dann wirst du erleben, dass er in dem Moment, in dem du mit dem Wunsch nach Sex (oder auch nur nach Nähe) auf ihn zugehst, einen Rückzieher macht. Dass er sich abwendet, dich abwehrt und abwertet, vielleicht weggeht, eiskalt reagiert oder dich wütend demütigt. Oder hast du vielleicht einen Kinderwunsch, dann wird er dir Sex per se oder ungeschützten Sex verweigern, wann immer es ihm gerade in den Kram passt. Hinterfragst oder kritisierst du das, wird er dir vorwerfen, egoistisch zu sein (= Projektion). Oder er erzählt dir Lügen über seinen angeblichen aktuellen Zustand („sooo gestresst“ usw.), schweigt dich tagelang an, nennt dich „psychisch krank“ und wird womöglich die sexuelle wie auch die anderen Formen von Gewalt noch verstärken.

Nötigung zu Sex

Sexuelle Gewalt auszuüben heißt, Handlungen gegen die sexuelle Selbstbestimmung vorzunehmen. Selbstbestimmung bedeutet, eine freie Entscheidung darüber treffen zu können, welche sexuellen Handlungen du selbst ausführen oder zulassen möchtest und welche nicht. Doch mit ihrer grenzenlosen Anspruchshaltung finden toxische Menschen, dass dir diese freie Entscheidung nicht zustehen würde, wenn sie andere Pläne haben. Denn für sie zählt nur, was sie wollen. Dein Wille, deine Bedürfnisse und Wünsche sind ihnen völlig egal.

Das kann dazu führen, dass ein toxischer Mensch dich immer wieder zu Sex drängt, obwohl dir absolut nicht danach ist. Vielleicht weil du schlicht keine Lust hast. Vielleicht aber auch, weil es dir mit diesem Menschen schlecht geht und du ehrliche Zuwendung und Nähe bräuchtest, aber keinen Sex. Oder dieser Mensch stößt dich inzwischen ab, du ekelst dich geradezu vor ihm (was bei toxischen Menschen völlig normal ist und nicht an dir liegt!).

Dennoch gibst du seinem Drängen nach. Warum? Weil du bereits aus Erfahrung weißt, wie extrem schlimm die Stimmung und die Gewalt durch diesen Menschen werden können, wenn du nicht nachgibst. Das heißt, du musst Sex zulassen, um Schlimmeres zu verhindern. Doch ist das Drängen des toxischen Menschen, diese Nötigung, eine klare Straftat gegen deine sexuelle Selbstbestimmung.

Du lernst dadurch, eine Rolle zu spielen, um die Gewalt in dieser Beziehung überhaupt überleben zu können. Du passt dich diesem Menschen an. Du gehst immer mehr auf Zehenspitzen um diesen Menschen herum, bist hyperwachsam, konzentrierst dich nur noch auf ihn und seine Bedürfnisse. Bei all dem verlierst du dich selbst, dissoziierst, also beamst dich innerlich weg, nimmst nicht mehr so richtig an deinem eigenen Leben teil. Und all das kann dir auch noch lange nach dem Ende dieser Beziehung passieren, sogar in einer wunderbaren, nicht-toxischen Beziehung auf Augenhöhe.

Als „Rücksichtslosigkeit aus Lust“ verkleidete Gewalt

Toxische Menschen wollen sich nehmen können, was sie wollen und wann sie es wollen. Denn sie glauben, das würde ihnen zustehen. Tut es natürlich nicht, doch ihnen das zu erklären, führt (wie so häufig) zu nichts. Deshalb ist es in Beziehungen mit toxischen Menschen normal, dass sie die Grenzen ihrer Opfer immer wieder überschreiten.

Selbst wenn du eine bestimmte sexuelle Handlung oder das Fortdauern einer sexuellen Handlung laut und deutlich ablehnst, machen sie weiter. Dazu gehört auch das Abschneiden deiner Luftzufuhr, z. B. durch Würgen – einer sehr beliebten Methode toxischer Menschen, um dich zu Gehorsam zu zwingen. Hinterher gaslighten Fragezeichen © Toxiversum sie dann (in der Hoffnung, dass du dich geschmeichelt fühlst), ihre „Lust“ oder „Geilheit“ sei so groß gewesen, dass sie gar nicht hätten aufhören können. Was natürlich gelogen ist. Jeder Mensch kann jederzeit unterbrechen. Das mag nicht angenehm sein, aber es ist selbstverständlich möglich. Und das gebietet nicht nur das Gesetz, sondern auch ganz grundsätzlicher Respekt und Anstand (Fremdwörter für toxische Menschen). Jeder Mensch, auch ein toxischer, hat deine Grenzen zu respektieren, zu jeder Zeit, bei jeder Handlung. Nur passt einem toxischen das meistens nicht.

Dieses häufige Überschreiten deiner Grenzen ist Gewalt. Es ist dazu da, dir klarzumachen, dass du nichts weiter bist als ein Werkzeug, das zu seiner Befriedigung da ist und zu funktionieren hat. Denn wie bei fast allem, was sie tun, haben toxische Menschen nur ein Ziel: mehr Macht, Kontrolle und Dominanz zu erlangen. In den intimsten Situationen deinen Willen zu brechen, dich dazu zu bringen, ihre Rücksichtslosigkeit und Gewalt hinzunehmen, lässt sie in ihren Augen jedesmal aufs Neue ihr Ziel erreichen. Du fühlst dich dadurch wahrscheinlich wertlos, benutzt, beschmutzt und klein. Und neben blauen Flecken, Entzündungen und Verletzungen hast du nun vielleicht auch noch chronische Schmerzen, Angst und Depressionen.

Nötigung zu unerwünschten Handlungen

Viele Opfer toxischer Menschen berichten nicht nur von den oben erwähnten Punkten. Sie erzählen auch, dass der toxische Mensch sie zu unerwünschten Handlungen genötigt hat. Insbesondere zu Handlungen, die sie normalerweise nie zulassen würden. Z. B. weil sie schmerzhaft sind, ekelhaft, Krankheiten übertragen oder ungewollte Schwangerschaften mit sich bringen können. Häufig sind dies Handlungen, die der toxische Mensch in den immer brutaler und ekelhafter werdenden Pornos gesehen hat, die mit Erotik rein gar nichts mehr zu tun haben, sondern nur noch mit Gewalt, mit Macht, Kontrolle und Dominanz.

Manch ein toxischer Mensch nimmt diese Handlungen trotzdem vor, obwohl du klar abgelehnt hast. Oder er setzt dich unter Druck, wenn du dich weigerst oder dich wehrst, wertet dich ab, beschimpft, beschämt und demütigt dich. Dafür nutzt er auch mit Vorliebe jene Informationen, die er zu Beginn eurer Beziehung durch das Data-Mining Fragezeichen © Toxiversum erfahren hat. In dieser Zeit hast du diesem Menschen auf sein Drängen hin recht viel anvertraut. U. a. hast du ihm vielleicht anvertraut, wo deine Grenzen liegen, auch deine sexuellen Grenzen. Dieses Wissen nutzt er nun gegen dich, um unerwünschte sexuelle Handlungen an dir vorzunehmen oder dich zu solchen Handlungen zu nötigen. Oder um dich zu einem Dreier (oder mehr), zu Besuchen in einem Swingerclub oder zu Videoaufnahmen zu nötigen. Oder um dich zur Prostitution zu zwingen. Diese Formen der Nötigung sind genauso strafbar wie Vergewaltigung.

Doch auch durch diese Handlungen verlierst du rasant an Selbstwertgefühl, an dem Gefühl, Handlungsmacht zu haben. Du kappst die Verbindung von Kopf und Körper, weil das alles sonst gar nicht zu ertragen wäre. Neben Verletzungen, Entzündungen und Schmerzen können Depressionen, Angst, Schlafstörungen, ungesundes Verhalten u. v. m. körperliche Folgen sein.

Übertragung von Geschlechtskrankheiten & Hervorrufen von Entzündungen

Toxische Menschen haben häufig (meist heimlich) mehrere Sexualpartner:innen und -opfer gleichzeitig und/oder gehen zu Prostituierten. In aller Regel wollen sie trotzdem ungeschützten Sex haben. Dies führt dazu, dass sie immerzu Geschlechtskrankheiten an ihre ahnungslosen Opfer übertragen. Und diesen anschließend vorwerfen, selbst fremdzugehen, weil sie diese Krankheiten anders ja gar nicht hätten bekommen können (= Projektion).

Hetersosexuelle Frauen ziehen sich durch Sex mit einem toxischen Mann besonders häufig Harnwegsentzündungen zu. Meist deutet das darauf hin, dass dieser Mann sexuell auf vielerlei Weise mit anderen Menschen verkehrt und seine Hygiene sehr zu wünschen übrig lässt.

Hast du also häufiger Entzündungen und/oder den Verdacht, dass du mit einem toxischen Menschen im Bett liegst, dann solltest du dich nicht nur regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen (auch wenn ihr nur einmal im Jahr Sex habt!). Du solltest auch grundsätzlich auf der Nutzung eines Kondoms bestehen. Hast du diese Probleme, obwohl ihr ein Kondom nutzt, solltest du prüfen, ob dieser Mensch das Kondom kurz vor dem Eindringen ohne dein Wissen abzieht. Das nennt sich Stealthing (von engl. „stealthy“ = heimlich) und ist strafbar.

Keine Rücksicht auf dein Befinden

Bist du müde, geht es dir sehr schlecht (auch mental), bist du krank, hast du starke Menstruationsschmerzen oder hast du gerade erst ein Kind geboren, dann wird ein toxischer Mensch trotzdem Sex mit dir haben wollen. Oder du sollst ihn befriedigen. Es interessiert ihn nicht, dass es dir schlecht geht. Es kratzt ihn nicht, dass du deine Ruhe haben möchtest, um dich zu erholen, zu heilen und schmerzfrei bzw. gesund zu werden.

Lehnst du in diesem Moment ab, und nimmt sich dieser Mensch dennoch, was er will, ist das ganz klar Vergewaltigung. Drängt dich dieser Mensch dazu, seine sexuellen Handlungen zuzulassen oder wenigstens an ihm sexuelle Handlungen vorzunehmen, ist das Nötigung. „Drängen“ bedeutet nicht nur, dass er das verbal tut („Nichts ist gesünder/heilsamer als Sex!“, „Stell dich doch nicht so an!“, „Sei doch nicht so verklemmt!“, „Du sagst immer, du liebst mich. Dann beweis es doch jetzt mal!“ u. Ä.). Nötigung ist es auch, wenn du zu schwach bist, sein Drängen abzuwehren, oder wenn du Angst hast, was er (wieder einmal) tun wird, wenn du ablehnst.

Vielleicht aber dreht dieser Mensch den Spieß auch um, und dann handelt es sich um:

Täter-Opfer-Umkehr

Selbstverständlich hast du das Recht, dem Druck, der Erpressung und Demütigung durch den toxischen Menschen nicht nachzugeben. Selbstverständlich weiß dieser Mensch das. Doch wenn ein toxischer Mensch seinen Willen nicht bekommt, dann sind immer andere daran schuld. Es liegt nie an ihm, seiner ungerechtfertigten Anspruchshaltung und seinen empathielosen, egoistischen Forderungen. Stattdessen greift er häufig zur Täter-Opfer-Umkehr, einem festen Bestandteil jedes toxischen Methodenkoffers. In diesen Fällen klingt das sehr oft so:

  • „Das habe ich nur wegen dir getan, weil du dich so (…) verhalten hast!“
  • „Du hast mich dazu genötigt/gebracht, weil du mich so angemacht hast/dich so bewegt hast!“
  • „Ständig drängst du mich, Sex mit dir zu haben. Aber wenn ich will, dann willst du nicht!“
  • „Du bist daran schuld, dass ich keinen hoch bekomme/keinen Orgasmus bekomme! Bei allen anderen kann ich das problemlos!“
  • „Jetzt weißt du auch, warum ich eine Affäre habe/zu Prostituierten gehe. Daran bist nur du schuld!“

Nicht nur wollen sich toxische Menschen auf diese Weise von der eigenen Schuld entlasten. Sie wollen auch, dass ihr Opfer sich beschämt, schuldig, klein und wertlos fühlt. Denn je schlimmer diese Gefühle beim Opfer sind, desto mächtiger und dominanter fühlt sich der toxische Mensch.

Triangulation

Triangulation Fragezeichen © Toxiversum ist eine beliebte Methode toxischer Menschen, auch und besonders in Bezug auf eine Beziehung und Sexualität. Sie beziehen (mindestens) eine dritte Person ein, um dich dazu zu kriegen, zu tun, was sie wollen. Zwei Beispiele hast du eben schon gelesen:

  • „Du bist daran schuld, dass ich keinen hoch bekomme/keinen Orgasmus bekomme! Bei allen anderen kann ich das problemlos!“
  • „Jetzt weißt du auch, warum ich eine Affäre habe/zu Prostituierten gehe. Daran bist nur du schuld!“

Andere Varianten können so klingen:

  • „Warum wehrst du dich jetzt so? Mit meiner:meinem Ex war das alles kein Problem.“
  • „Heute habe ich meine:n Ex in der Stadt getroffen. Meine Güte, was für ein:e Narzisst:in! Aber der Sex war immer MEGA!“
  • „Ich wünsche mir von dir einen Dreier.“
  • „Das ist so langweilig. Überwind doch mal deine spießbürgerlichen Hemmungen, und lass uns in einen Swingerclub gehen. Die Müllers machen das auch!“

Doch nicht immer ist die Triangulation so offensichtlich, nicht immer spricht ein toxischer Mensch sie so deutlich aus, wenn er seine Vorstellungen von Sexualität durchsetzen will. Es kann auch sein, dass du scheinbar „zufällig“ mitbekommst, dass er noch Kontakt zu seiner:seinem Ex hat. Oder dass er Mitglied einer Datingplattform ist. Dass er ganz offen bei einer Party, auf Social Media oder privat im Messenger mit anderen Menschen flirtet oder knutscht.

Erwischst du ihn, wird er wahrscheinlich behaupten, das sei alles ganz harmlos. Da sei nichts Sexuelles im Spiel, auch keine Untreue. Vielleicht wird er dir auch scheinbar entgegenkommen und die betreffenden Apps auf dem Handy löschen. Doch du wirst sie wahrscheinlich nur kurze Zeit später dort wieder sehen können. Denn er will natürlich immer weitermachen, dich immer weiter mit Dritten quälen.

Denn mit solchen Aussagen und Aktionen will dich ein toxischer Mensch verunsichern. Du sollst dich seiner und der Beziehung nie zu sicher fühlen. Du sollst immer noch mehr und noch mehr um ihn kämpfen, dich anstrengen, dich noch weiter selbst aufgeben und kaputtmachen. Er will dich außerdem verwirren, hinhalten, klein halten, unter Druck setzen und gefügig machen, um seinen Willen (nicht nur bezüglich Sex) zu kriegen.

Eskalation der Gewalt bei vermutetem/drohendem Beziehungsende

Kündigst du einem toxischen Menschen an, dich (vielleicht) trennen zu wollen, kann es passieren, dass er die sexuelle (und jede andere Form der) Gewalt nun eskaliert. Dann will er versuchen, dich endgültig zu brechen, dich dazu zu zwingen, dich ihm dauerhaft zu unterwerfen und zu bleiben. Denn seiner Ansicht nach gehörst du ihm. Ungefähr so wie ein Werkzeug, das er im Baumarkt kauft. Und mit einem Gegenstand, der ihm gehört, kann er schließlich (glaubt er) tun und lassen, was er will. Daran kann er (glaubt er) auch seine Wut auslassen, gerade angesichts des vermuteten oder drohenden Beziehungsendes. Und das kann für dich lebensgefährlich werden.

Die Folgen der vielfältigen sexuellen Gewalt

Ich habe oben bereits einige der typischen Folgen erwähnt. Zu ihnen gehören auch typische körperliche Folgen wie z. B.:

  • chronische Schmerzen,
  • Inkontinenz,
  • innere & äußere Verletzungen,
  • Magen-Darm-Probleme,
  • Herz-Kreislauf-Probleme,
  • Atemschwierigkeiten,
  • sexuelle Funktionsstörungen,
  • Komplikationen in der Schwangerschaft/bei und nach der Geburt, Schwangerschaftsabbrüche,
  • Veränderungen im Zyklus oder Ablauf der Menstruation,
  • Gebärmutterhalskrebs
  • u. v. m.

Die mentalen Folgen sind ähnlich typisch und vielseitig. Denn toxischen Menschen geht es darum, ihre Opfer kleinzumachen und unter Kontrolle zu bringen. Sie versuchen mit allen Mitteln, auch mit sexueller Gewalt, dem Opfer das Recht auf Selbstbestimmung zu entziehen. Das wiederum hat zur Folge, dass Opfer sich häufig irgendwann selbst aufgeben, weil sie dem permanenten Druck, der anhaltenden Erpressung, der ständigen Gewalt und Gewaltandrohung nicht standhalten können. Insbesondere durch die Gewalt im intimsten Lebensbereich fühlen sich viele schmutzig, wertlos, klein und bald schon nicht mehr wie sie selbst.

Es kommen jedoch noch weitere Folgen hinzu. Wenn du sexuelle Gewalt durch einen toxischen Menschen erlebst, er also sexuelle Handlungen an dir vollführt oder du sexuelle Handlungen an ihm vornimmst, die du gar nicht willst … und wenn du dann trotzdem einen Orgasmus hast, löst das wahrscheinlich große Verwirrung in dir aus. Denn du wolltest das ja alles gar nicht, erst recht keinen Orgasmus! Vielleicht ärgerst du dich zutiefst über deinen Körper, der dich so sehr verrät. Vielleicht hasst du ihn dafür. Vielleicht hast du Gefühle der Scham und Schuld, gibst dir vielleicht selbst die Schuld für das, was du erlebst. Und vielleicht kannst du dein Sexualleben nun erst recht nicht mehr genießen – vielleicht nicht einmal mehr, wenn die Beziehung zu dem toxischen Menschen längst beendet ist.

Vielleicht schämst du dich auch dafür, dass du immer noch mit diesem Menschen schläfst. Oder dafür, dass du ihn belügst, ihm etwas vorspielst. Dann glaubst du vielleicht, du wärst jetzt genauso schlimm wie der toxische Mensch. (Spoiler: Das bist du nicht!)

Und du verlernst durch die Sexualität mit einem toxischen Menschen vielleicht auch, dass du Handlungsmacht hast. Dass du ein Recht darauf hast, nein zu sagen, ohne dass du deshalb Konsequenzen in Form von weiterer Gewalt in Kauf nehmen musst.

Du verlernst, deine eigenen sexuellen Bedürfnisse zu erkennen, in Worte zu fassen und zu befriedigen. Als Kind toxischer Eltern oder wenn du in einer Sekte aufgewachsen bist, hast du das womöglich von vornherein nie gelernt.

Du verlierst die Verbindung zu deinem Körper, kennst deine Bedürfnisse nicht (mehr). Und vielleicht vernachlässigst du auch in diesem Bereich deine Gesundheit. Du stumpfst ab, machst, was du zu machen gezwungen oder genötigt wirst, und verlierst dadurch nicht nur Lebensfreude, sondern natürlich auch die Freude am Sex.

All das irgendwann nach dem Ende dieser Beziehung zurückzuerobern, kann lange dauern und sehr schwer sein. Die Erfahrungen vieler Opfer zeigen, dass die Indoktrination und (sexuelle) Gewalt durch toxische Menschen eine Last ist, die man nur mit viel Arbeit, Geduld und sanfter Selbstfürsorge wieder loswerden kann. Es kann auch dauern, bis du endlich (wieder) eine freie, entspannte, selbstbewusste und gewaltfreie Sexualität leben kannst.

Erlebst du sexuelle Gewalt, ist das nicht deine Schuld!

Genau wie jede andere Form der toxischen Gewalt ist auch keine der hier beschriebenen Formen der sexuellen Gewalt deine Schuld. Nichts davon liegt an dir. Du verhältst dich nicht falsch. Du verhältst dich nur so, dass du überleben kannst. Dafür musst du dich selbstverständlich nicht schämen.

Dafür muss sich nur ein Mensch schämen: der toxische Mensch selbst. Denn er übt all diese Gewalt absichtlich und sehr bewusst aus. Die Schuld liegt deshalb ausschließlich und allein bei ihm.

Zerstören die Diskussionen um „nur ja heißt ja“, #MeToo und Gewalt die Lust am Sex?

Wir hören in den letzten Jahren häufig Fragen und Aussagen wie:

  • „Warum wäscht der:die ihre Privatwäsche in aller Öffentlichkeit? Was ist an dem Wort „privat“ so schwer zu verstehen?“
  • „Was darf man(n) denn überhaupt noch?“
  • „Das ganze Gerede nimmt mir total die Lust am Sex!“
  • „Man muss doch den Sex nicht zerreden – das zerstört jede Erotik!“
  • „Muss ich jetzt auch etwa fragen, ob ich meine:n Partner:in küssen darf?“

Wer solche übergriffigen und dreisten Dinge von sich gibt, hat entweder noch nie im Leben Gewalt erlebt (oder ist sich dessen noch nicht bewusst), ist ein Flying Monkey Fragezeichen © Toxiversum oder selbst toxisch.

Die Anspruchshaltung hinter solchen Aussagen ist nämlich: „Gewalt ist Privatsache. Was im Schlafzimmer passiert, bleibt im Schlafzimmer“ oder „Ich werd‘ ja wohl noch ein bisschen Gewalt ausüben dürfen“ u. Ä. Das ist die typische Anspruchshaltung toxischer Menschen, die immer gleich ein Menschenrecht aus ihrem Willen zur Gewalt machen wollen (und dann dafür womöglich noch den Friedensnobelpreis verlangen).

Eine Beziehung zu einem nicht-toxischen Menschen dagegen zeichnet sich dadurch aus, dass es für beide Parteien schön und erregend ist, eine intime Sexualität zu leben, die auf absolutem Vertrauen basiert. Und auf der Sicherheit, dass keine der beiden Parteien unerwünschte Gewalt ausüben wird. Dass jede Partei sofort stoppt, wenn die andere das möchte. Dass sich beide angstfrei fallenlassen können. Dass beider Bedürfnisse und Grenzen selbstverständlich respektiert werden.

Toxische Menschen sind jedoch nicht willens, das zu tun. Denn für sie zählt nur eins: ihr grenzenloser Wille zu Macht, Kontrolle und Dominanz. Und das geht immer auf deine Kosten.


Weiterlesen:

Erlebst du häusliche Gewalt? Das kannst du da tun?

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