Aberkannte Trauer: Was ist das?

Von Birte Vogel

Im Zusammenhang mit toxischen Menschen haben wir meist sehr lange Zeit keine Worte für das, was passiert. Insbesondere nicht für das, was während oder nach einer Beziehung in uns vorgeht. Worte und Begriffe zu finden, kann aber unwahrscheinlich erleichternd sein und so viel erklären. Ein solcher Begriff ist die aberkannte Trauer. Was ist das?

„Normale“ Trauer wird akzeptiert

Stirbt ein geliebter Mensch oder ist unsere Beziehung zu unserer großen Liebe gescheitert, dann trauern wir. Diese Trauer ist gesellschaftlich anerkannt, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Als Angestellte bekommen wir bei Todesfällen bspw. bezahlten Sonderurlaub. Es wird verstanden, akzeptiert und nicht gefühllos kommentiert, dass wir eine Zeitlang Schwarz tragen. Dass wir immer wieder weinen. Dass wir Beistand und Unterstützung im Alltag benötigen. Und es wird verstanden und akzeptiert, dass es eine gewisse Zeit dauern kann, bis die Trauer langsam in den Hintergrund weicht. Nur darf das nicht „zu lange“ dauern – sonst kommen von manchen Leuten Fragen wie: „Du trauerst noch immer?“ Als würde etwas mit uns nicht stimmen, wenn wir nicht nach zwei Wochen schon wieder fröhlich auf den Tischen tanzen.

Schon weniger akzeptiert: die Trauer um ein geliebtes Tier

Schon deutlich weniger akzeptiert ist die tiefe Trauer, die der Tod eines Haustiers auslösen kann. Viele Menschen haben aus guten Gründen eine sehr viel stärkere emotionale Bindung an ihr Tier als an so manch anderen Menschen in ihrem Umfeld. Doch sie erhalten den nötigen Beistand meist nur von anderen Menschen mit Haustier. Andere schütteln verständnislos den Kopf und machen herabwürdigende Bemerkungen.

Und da geht sie bereits los, die aberkannte Trauer. Mindestens genauso schlimm kann die aberkannte Trauer in Bezug auf Beziehungen mit toxischen Menschen sein.

Was ist aberkannte Trauer?

Der Begriff der „aberkannten Trauer“ (engl: „disenfranchised grief“) wurde 1989 von dem Trauerspezialisten Prof. Dr. Kenneth J. Doka geprägt. Er fasste damit jene Formen der Trauer zusammen, die weder auf individueller noch auf gesellschaftlicher Ebene anerkannt werden. Oft nicht einmal von Therapeut:innen. Und deshalb auch oft nicht einmal von uns selbst.

Das heißt, aberkannte Trauer ist eine Form der Trauer, die dir aberkannt und abgestritten wird. Die andere dir verweigern und die du dir in der Folge ebenfalls verweigerst. Weil andere befinden, dass du in diesem bestimmten Fall gar nicht trauern solltest. Dass es da nichts gibt, weshalb du trauern müsstest oder könntest. Weil sie für diese Trauer und für dich wenig bis gar kein Verständnis haben. Weil sie deine Trauer nicht sehen (wollen). Weil sie die Beziehung zu dem toxischen Menschen nicht anerkannt oder gesehen haben. Oder weil sie diese Beziehung oder den toxischen Menschen schon immer abgelehnt haben.

Aberkannte Trauer kann sowohl die Trauer in Bezug auf einen Todesfall sein. Aber sie kann auch die Trauer sein, die du aus ganz anderen Gründen empfindest. Aus Gründen, die dir selbst vielleicht gar nicht so klar sind, und für die du deshalb (noch) keine Worte hast.

Die aberkannte Trauer um das Ende einer toxischen Beziehung

Beendest du z. B. die Beziehung zu einem toxischen Menschen, brichst du den Kontakt ab, wird der Kontakt von dessen Seite abgebrochen oder stirbt der toxische Mensch und fühlst du trotz allem große Trauer, dann triffst du häufig auf großes Unverständnis bei anderen. Viele Menschen in deinem Umfeld verstehen nicht, warum es dir damit ernsthaft schlecht geht. Vielleicht hörst du dann Sachen wie:

  • „Sei doch froh, dass es vorbei ist“,
  • „Schau einfach nach vorne“,
  • „Das ist doch gar nicht so schlimm“,
  • „Bist du immer noch nicht drüber weg?“ oder
  • „Sei doch nicht so selbstmitleidig!“

Vielleicht stimmst du all dem zu, weil dir dein Verstand das Gleiche sagt. Vielleicht meinst du, du müsstest wirklich froh sein, diesen Menschen, all das Negative und die Gewalt, die er dir angetan hat, loszusein. Und du müsstest doch eigentlich befreit nach vorne schauen, die Flügel ausstrecken und endlich (wieder) losfliegen können.

Doch dein Gefühl ist ein anderes, und dein Körper signalisiert dir ebenfalls, dass das alles nicht so einfach ist. Vielleicht fragst du dich auch, warum du immer noch so oft an diesen Menschen denkst, an die guten Zeiten mit ihm. Oder du fühlst dich an bestimmten Tagen sehr bedrückt und kraftlos und weißt nicht warum. Denn eigentlich bist du doch sehr glücklich (oder glaubst, es sein zu müssen), dass dieser Mensch mitsamt seiner Gewalt aus deinem Leben verschwunden ist.

Weitere Beispiele für aberkannte Trauer

Trauer wird uns nicht nur, aber ganz besonders in Bezug auf toxische Menschen aberkannt. Im Folgenden ein paar weitere Beispiele für diese aberkannte Trauer, die zeigen, wie komplex diese Trauer sein kann.

  • Andere finden, der toxische Mensch sei es nicht wert, dass du um ihn trauerst. Egal, ob du dich „nur“ von ihm getrennt hast oder er gestorben ist. Denn er hat dir (und deinen Kindern/Tieren) Gewalt angetan. Aber du hast diesen Menschen trotzdem geliebt und trauerst selbstverständlich.
  • Andere finden, es würde keinen Anlass zu trauern geben, sondern vielmehr einen zu feiern, weil du diesen Menschen endlich, endlich los bist. Dein Verstand stimmt dem zu, aber in dir spürst du dennoch diese große Traurigkeit.
  • Du trauerst um den Verlust des Sorgerechts für dein(e) Kind(er). Und vor lauter Trauer hast du keine Kraft, darum zu kämpfen, das Sorgerecht wiederzuerhalten. Doch das wollen/können viele nicht verstehen, denn es geht doch schließlich um dein Kind/deine Kinder und ihr Wohlergehen. Schaffst du es schließlich doch zu kämpfen, wird dir die Zeit der Trauer negativ ausgelegt.
  • Du trauerst um ein gewalttätiges Elternteil, das dir dein Leben sehr schwer oder zur Hölle gemacht hat. Vielleicht hattet ihr auch schon lange keinen Kontakt mehr, und du hast nur zufällig erfahren, dass es gestorben ist. Sein Tod bringt sehr widersprüchliche und unerklärliche Gefühle in dir hoch. Selbst wenn du es gehasst hast, sind nicht alle deine Gefühle nach seinem Tod von dem Gedanken „endlich frei!“ bestimmt. Denn mit dem Elternteil ist ein einstmals sehr wichtiger, prägender Teil deines Lebens gestorben. Und es war vielleicht nicht alles schlecht.
  • Du trauerst um eine Liebesaffäre, von der niemand wusste oder wissen durfte.
  • Du trauerst um das Umfeld, das du für den toxischen Menschen oder die Sekte zurücklassen musstest.
  • Du trauerst um das Leben, das du vor der toxischen Beziehung oder dem Eintritt in die Sekte hattest, und das du nie zurückbekommen wirst.
  • Du trauerst um dein Umfeld, all deine Freund:innen, deine Familie, die du nach dem Ausstieg aus einer Sekte zurücklassen musstest. Denn die Sekte verbietet ihnen den Kontakt zu dir. Und so sind die, mit denen du normalerweise zusammen trauern würdest, nicht mehr da.
  • Du trauerst um das Gute, das du mit dem Ausstieg aus der Sekte oder der toxischen Beziehung hinter dir lassen musstest.
  • Du trauerst um deine Lebensträume, die der toxische Mensch oder die Sekte zerstört hat.
  • Du trauerst um den Menschen, der du warst und der du nie wieder sein wirst und sein kannst.
  • Du trauerst um den Idealismus, den du immer hattest, bis ihn dir der toxische Mensch genommen hat.
  • Du trauerst um den elementaren Glauben an das grundsätzlich Gute in allen Menschen, der dir im Laufe einer toxischen Beziehung (oder mehrerer) verloren gegangen ist.
  • Du trauerst darum, dass du nie erleben wirst, dass dieser Mensch seine Gewalt und die Folgen, die sie für dich hat, jemals einsehen wird.
  • Du trauerst darum, niemals eine ehrliche Entschuldigung erhalten zu können.
  • Du trauerst um die letzten Möglichkeiten, noch Erklärungen für das toxische Verhalten und die Gewalt zu bekommen.
  • Du trauerst um all das, was hätte sein können, und was trotz deines Einsatzes, deiner Anstrengungen, deiner Zugeständnisse und deiner Selbstaufgabe nie sein wird.
  • Du trauerst um die viele Zeit, die vielen Jahre, die du an den toxischen Menschen verschwendet hast und die du nie wieder zurückholen kannst.
  • Du trauerst um das ganze Geld, die ganzen Werte (z. B. dein Erbe, dein Haus, deine Lebensversicherung), die du in gutem Glauben in diesen Menschen, diese Sekte versenkt hast.
  • Du trauerst um die Liebe, die du so freigiebig und großzügig an den falschen Menschen verschenkt hast.
  • Du trauerst um den Menschen, den du geliebt hast, den es aber so nie gab. Denn das, was du am meisten an ihm geliebt hast, war nur eine Maske.
  • Du trauerst um dein ungelebtes Leben, jenes Leben, das du hättest leben können, hättest du kein toxisches Elternteil, keine toxische Ehe gehabt bzw. wärst du nicht in diese Sekte hineingeboren worden oder so früh beigetreten.
  • Es kann dir aber auch passieren, dass andere Leute gar nicht sehen, dass du überhaupt trauerst. Vielleicht, weil sie dich noch nie wirklich gesehen haben. Weil sie für dich genauso wenig Interesse haben wie es der toxische Mensch hatte. Oder weil du dich in letzter Zeit getraut hast, die Wahrheit über den toxischen Menschen zu sagen. Sie sehen nur ihre eigene Trauer. Sie fragen nie, wie es dir geht, sondern reden nur über ihre eigenen Erinnerungen an diesen Menschen, die mit deinen so gar nicht übereinstimmen. Sie verstehen deine Sicht nicht und verbieten dir womöglich den Mund, „weil man [angeblich] über Tote nicht schlecht spricht“. Und sie sprechen dir die Trauer ab, weil du ja unmöglich um einen „angeblich so schlechten“ Menschen trauern könntest.
  • Und vielleicht trauerst du auch um einen Menschen, den die Gesellschaft verdammt, weil er schlimmste körperliche Gewalt verübt hat (z. B. einen Mord oder Amoklauf). Deshalb traust du dich nicht, deine Trauer offen zu zeigen, und niemand nimmt deine Trauer wahr oder will sie verstehen/versteht sie.

Diese und viele weitere Formen und Gegenstände der Trauer werden von vielen Menschen, aber teils auch von unserer Gesellschaft als Ganzes, nicht gesehen und nicht akzeptiert. Denn es ist ja nicht die ganz große Trauer um einen enorm geliebten, beliebten und verdienten Menschen. Um den man, nach dem gemeinsam zelebrierten Abschiedsritual, gerne ein paar Wochen trauern „darf“ (aber ein paar Wochen „müssen“ dann auch reichen).

Die tiefe Einsamkeit bei aberkannter Trauer

Wir sind eine sehr hedonistische Gesellschaft geworden. D. h., wir wenden uns möglichst oft der Lust zu und gleichzeitig vom Schmerz ab. Wir suchen die einfachen Lösungen – alles, was schwer und kompliziert ist, können wir nicht gebrauchen.

Auch darum werden Trauernde in unserer Gesellschaft oft ausgeschlossen. Sie stehen dann ja nicht mehr dauernd für andere zur Verfügung. Sie verderben allen den Spaß. Und es ist ja so grässlich anstrengend, diese „zur Schau gestellte“ Trauer immerzu aushalten zu müssen. Und zusehen zu müssen, wie man top Ratschläge gibt, die die betreffende Person aber nie annimmt. Sie hört einfach nicht auf zu trauern! Wie kann sie nur?! *Sarkasmus aus*

Wir haben aber auch den Großteil unserer Trauertraditionen, -rituale und das zugehörige Mitgefühl verdrängt oder schlicht vergessen. Was nicht in aller Öffentlichkeit auf dem Friedhof beerdigt werden kann, darf auch nicht betrauert werden – so macht es oft den Anschein.

Wird dir aber ein zutiefst menschliches Gefühl wie Trauer nicht zugestanden, weil du länger, anders oder um etwas anderes trauerst als es vermeintlich „normal“ ist, kann sich das unfassbar grausam anfühlen und unglaublich einsam machen. Erst recht, wenn du dir dafür vermeintlich professionelle Hilfe z. B. in einer Psychotherapie suchst und dort ebenfalls auf Unverständnis stößt. Vielleicht wirst du von anderen sogar für deine Trauer verachtet oder ausgestoßen. Denn die Gemeinschaft findet, dass mit dir etwas nicht stimmen kann, wenn du um so einen Menschen, so eine Sache oder auf diese Weise und so lange trauerst.

Vielleicht fühlst du dich aber auch mit all deinen widersprüchlichen Gefühlen und dem Gegensatz zwischen dem, was dir Verstand und Körper signalisieren, sehr alleingelassen. Vielleicht verstehst du selbst nicht, was da los ist, hast keine Worte dafür. Und andere verstehen es erst recht nicht und beschränken sich deshalb auf Platitüden wie „das wird schon wieder“ oder „nun komm doch endlich mal drüber weg“. Oder sie wenden sich ganz von dir ab, weil sie dein ehrliches Gefühl und deine Hilflosigkeit und Wortlosigkeit einfach nicht aushalten können oder wollen.

Toxische Menschen machen da alles nur noch schlimmer. Sie sind die ersten, die dir deine Trauer aberkennen. Die dich „zu weich“, „zu empfindlich“, „hysterisch“ nennen oder sogar „narzisstisch“, nur weil du diese Trauer spürst. Weil du versuchst, Worte dafür zu finden. Und weil du Mitgefühl und Trost suchst. Sie drücken auf die Tube, damit du ihnen endlich wieder mit voller Kraft und gut gelaunt zur Verfügung stehst. Weil sie glauben, das stünde ihnen zu, dir aber gleichzeitig absprechen, dass dir Trauer, Mitgefühl und Trost zustehen.

Aus dieser Einsamkeit und Trauer wieder herauszukommen, ist gar nicht so leicht. Erst recht, wenn du mit deinen widersprüchlichen Gefühlen noch nicht so recht klarkommst. Und wenn dir die Trauer aberkannt wird. Aber vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass es dafür Worte gibt. Und diese Worte gibt es, weil du damit nicht alleine bist. Weil sehr viele Menschen diese Trauer empfinden, und weil sie ihnen ebenfalls aberkannt wird – von Einzelpersonen oder von der ganzen Gesellschaft.

Eins solltest du aber wissen: Deine Gefühle der Trauer sind völlig normal. Du hast jedes Recht, sie zu fühlen. Du darfst diese Trauer selbstverständlich zulassen. Niemand hat das Recht, dir deine Trauer abzusprechen. Aber du hast jedes Recht, so sehr und so lange zu trauern, wie du es brauchst.

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