Was ist Nachtrennungsgewalt?

Nachtrennungsgewalt ist eine Form der Gewalt, die so gut wie alle kennen, die sich schon einmal auf einen toxischen Menschen eingelassen haben. Sie wird in den seltensten Fällen geahndet (wie auch schon die vorhergehende Gewalt). Und sie kann Opfer noch über viele Jahre begleiten und fertigmachen. Woran aber erkennst du sie?

Da ist diese toxische Beziehung nun beendet, und du denkst, du bist diesen Menschen endlich los, aber denkste! Auf unterschiedliche Weisen schleichen sich toxische Menschen doch wieder in die Gedanken, den Alltag und die Gefühlswelt ihrer Opfer. Und dieses Verhalten kann große Schäden anrichten.

Nachtrennungsgewalt hat viele Gesichter

Nachtrennungsgewalt kann bei jeder beendeten Beziehung vorkommen, ob es eine Ehe war, eine Freundschaft, ein Arbeitsverhältnis, eine Nachbarschaft, ein Mietverhältnis oder eine andere Art der Beziehung. Doch viele wissen gar nicht, dass es sich bei dem, was sie mit diesem Menschen erleben, um Gewalt handelt. Was ist also Nachtrennungsgewalt und was fällt alles unter diesen Begriff?

Was ist Nachtrennungsgewalt?

Die grundlegende Definition ist die naheliegende: Nachtrennungsgewalt ist Gewalt, die ein toxischer Mensch nach der Trennung bzw. dem Ende eurer Beziehung gegen dich, aber gegebenenfalls auch gegen deine Familie, deine Kinder, deine Tiere und/oder dein Eigentum ausübt. Bislang wurde diese Gewalt meist nur im Zusammenhang mit partnerschaftlichen Beziehungen wie einer Ehe gesehen. Doch kann diese Form der Gewalt auch in jeder anderen Beziehung auftreten und dann nicht minder schädlich sein. Sie beginnt ab dem Moment nach der Trennung/dem Beziehungsende, an dem der toxische Mensch merkt, dass du ihm nicht mehr zur Verfügung stehst, nicht mehr tust, was er will. Oder wenn du durch einen Wohnungs-, Abteilungs-, Job-, Vereins- oder Ortswechsel oder auch telefonisch, per Messenger oder E-Mail nicht mehr oder nicht mehr so leicht für ihn erreichbar bist.

Woraus kann Nachtrennungsgewalt bestehen?

Da Nachtrennungsgewalt viele Gesichter hat, liste ich hier nur einige Beispiele auf. Wichtig zu wissen ist, dass es sich bei all den Beispielen um seelische und emotionale, finanzielle, digitale und teils auch körperliche Gewalt, Stalking u. a. handelt.

Der toxische Mensch …

  • zahlt keinen Unterhalt,
  • zahlt seine Verbindlichkeiten nicht (Miete, Nebenkosten, Kreditabzahlungen usw.),
  • verweigert den Zugang zu deinen Kindern oder Tieren,
  • verweigert dir den Zugang zum gemeinsamen Konto, Eigentum oder zur gemeinsamen Wohnung,
  • verweigert die Herausgabe deiner Kinder oder Tiere, deines Eigentums, wichtiger Dokumente usw.,
  • beschädigt oder zerstört dein Eigentum,
  • öffnet deine Post,
  • verschafft sich Zugang zu deinen digitalen Geräten, E-Mail-Konten u. Ä.,
  • verweigert, verzerrt und verzögert jede Kommunikation mit dir,
  • kontaktiert dich auf allen Kanälen (E-Mail, Messenger, Facebook, Telefon usw.), selbst wenn du ihn gebeten hast, die Kommunikation nur auf einen Kanal zu beschränken,
  • selbst wenn du ihn auf allen Kanälen (gegebenenfalls bis auf einen für notwendige Kommunikation) blockiert hast, kontaktiert er dich z. B. über extra dafür neu angelegte Profile oder E-Mail-Adressen oder ruft dich von Telefonen anderer Leute an,
  • beschimpft, verhöhnt und demütigt dich verbal und schriftlich,
  • taucht zu festgelegten Terminen nicht auf und ist dann entweder nicht erreichbar oder „im Stau“,
  • sagt Termine in letzter Minute ab und hat danach angeblich erst Wochen oder Monate später wieder Zeit für einen neuen Termin,
  • bringt die Kinder/das Haustier/dein Eigentum/Dokumente nicht zum vereinbarten Zeitpunkt zurück, sondern erheblich früher oder weit später, wenn du womöglich gar nicht da bist oder extra deshalb etwas anderes ausfallen lassen/verschieben musst,
  • macht dir sehr viel Ärger wegen Kleinigkeiten (z. B. wegen eines Spielzeugs des Kindes, Hausaufgaben oder weil du ein einziges Mal eine Minute zu spät bei einem Termin warst),
  • hetzt seine Anwält:innen auf dich, die dich, selbst wenn eigentlich alles bereits geklärt ist, doch nochmal mit Aufforderungen überschütten, (oft unnötige) Nachweise, Dokumente usw. zu liefern,
  • zögert Gerichtsprozesse und Einigungen hinaus, indem er auf keine Aufforderung reagiert, wichtige Dokumente nicht beibringt und Mahnungsfristen ungerührt verstreichen lässt,
  • verwickelt dich in schier endlose, teure und belastende Gerichtsprozesse, weil er immer neue Forderungen an dich stellt, Termine platzen lässt oder verschiebt, seine angeforderten Unterlagen nicht beibringt usw.,
  • lügt bei den Strafverfolgungsbehörden, beim Jugendamt und bei anderen Institutionen wie gedruckt,
  • zeigt dich an,
  • hetzt dir Behörden auf den Pelz (z. B. das Jugendamt),
  • setzt dir Fristen, die du kaum einhalten kannst,
  • setzt dich unter Druck/nötigt dich, damit du möglichst unbedacht (und in seinem Sinne/zu seinem Vorteil) handelst,
  • erpresst dich mit Dingen, die du ihm im Vertrauen erzählt hast,
  • kontaktiert dein privates und berufliches Umfeld, um es gegen dich aufzuhetzen,
  • streut Gerüchte über dich, verleumdet dich und schädigt gezielt deinen Ruf,
  • taucht an ganz ungewöhnlichen Orten auf, wenn du es am wenigsten erwartest, und behauptet, das sei reiner Zufall,
  • stalkt dich, d. h. taucht überall dort auf, wo du dich aufhältst,
  • stalkt dich auch telefonisch und digital,
  • bittet dich wiederholt um eine „letzte Aussprache“, behauptet entweder, sich geändert und seine Fehler eingesehen zu haben, oder setzt dich unter Druck, erpresst, nötigt oder zwingt dich zu diesem angeblich letzten Gespräch,
  • eskaliert mit körperlicher Gewalt (von Schubsen und körperlichem Bedrängen über Schläge bis hin zu Vergewaltigung und womöglich noch stärkerer Gewalt),
  • versucht, dich zu hoovern Fragezeichen © Toxiversum, damit er dich wieder unter Kontrolle bekommen und dominieren kann
  • u. v. m.
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Was kann Nachtrennungsgewalt bei dir anrichten?

Nachtrennungsgewalt kann gravierende Folgen für die Betroffenen haben. Hier einige Beispiele, was sie ausrichten kann:

  • Deine Gedanken drehen sich konstant um diesen Menschen. Gerade, wenn du dachtest, du bist ihn endlich los, ist er schon wieder da und nervt, stört, terrorisiert dich.
  • Du kommst kaum zur Ruhe, weil immer wieder etwas ist, mit dem er dir in die Parade fährt. Vielleicht lässt er dich eine Weile in Ruhe, bis du denkst, das war’s jetzt, und zack! ist er wieder da.
  • Du bist ständig in Hab-acht-Stellung, weil du immer damit rechnen musst, dass wieder ein unerwünschter Kontaktversuch, ein Angriff, eine Bösartigkeit oder ein Hindernis kommt.
  • Diese anhaltende Unsicherheit kann dich seelisch und körperlich krank machen (bspw. Depressionen, Selbstmordgedanken, chronische Schmerzen u. a. Symptome, die du vor dieser Beziehung nicht hattest).
  • Du hast Schlafstörungen und/oder Essstörungen.
  • Du gewöhnst dir ungesunde Verhaltensweisen an, weil dir für gesunde die Kraft fehlt.
  • Du hast starke Konzentrations- und Gedächtnisprobleme.
  • Jeder erzwungene Kontakt (z. B. wegen Kindern oder weil ihr in der gleichen Firma/Branche arbeitet) kann immer wiederkehrende, manchmal sogar immer stärker werdende seelische und körperliche Symptome bei dir auslösen.
  • Du verbiegst dich wegen dieses Menschen, gehst Umwege, um ihn nicht zu treffen, gehst bei jedem Kontakt wie auf Eierschalen, vermeidest Orte und Veranstaltungen, bei denen er häufiger anzutreffen ist, vermeidest den Kontakt zu Menschen, die guten Kontakt zu ihm haben, und kannst immer noch kein freies Leben führen.
  • Du hast durch die fortwährende Präsenz dieses Menschen in deinem Leben Schwierigkeiten, dich um deine Heilung zu kümmern.
  • Du fühlst dich schnell überfordert, selbst mit einfachen Handlungen.
  • Du bist (sehr) schnell gereizt und/oder sehr wütend, was du von dir sonst gar nicht kennst.
  • Du fühlst dich rat- und hilflos, weil nichts, was du tust, dazu führt, dass dieser Mensch endlich von dir ablässt.
  • Du verlierst das Interesse an Dingen und Aktivitäten, die dir vor der Beziehung viel bedeutet haben, oder schaffst es nicht, dieses Interesse nach dem Ende der Beziehung endlich wiederzubeleben.
  • Du hast ein Gefühl der Isolation, weil niemand nachvollziehen kann oder dir vielleicht nicht glaubt, wie schlimm es für dich ist, dass du diesen Menschen einfach nicht loswerden kannst.
  • Du wirst nicht ernst genommen, wenn du zusammenbrichst, medizinischen oder therapeutischen Rat suchst, wenn du die Strafverfolgungsbehörden informierst, wenn du mit anderen darüber sprichst.
  • Du wirst in deinem Umfeld, deiner Gemeinschaft, deiner religiösen/spirituellen oder kulturellen Gemeinde wegen des Beziehungsendes oder der Gewalt, die du ertragen musstest, schlecht angesehen oder angefeindet.
  • Du befürchtest, auch jetzt noch selbst schuld an der Gewalt zu sein, und fühlst dich deshalb schlecht.
  • Du machst dir immerzu große Sorgen um deine Zukunft.
  • Du musst deinen Wohnort verlassen und damit auch dein gewohntes Umfeld, deine Freund:innen, deinen Arbeitsplatz, um endlich Ruhe zu haben. Und hast dennoch Sorge, dass jemand aus diesem Umfeld dem toxischen Menschen doch noch deine neue Telefonnummer oder Adresse verrät.
  • Du kannst dir am neuen Wohn- und Arbeitsort nicht so schnell oder gar kein stabiles, unterstützendes Umfeld schaffen und musst sehr viel Zeit und Kraft darauf verwenden, dich dort überhaupt erst einmal neu zurechtzufinden.
  • Du hast kaum noch Hoffnung, diesen Menschen jemals dauerhaft abschütteln zu können, was Ängste, Panikattacken und andere Probleme hervorrufen kann.
  • Du hast finanzielle Probleme, z. B. weil du durch Umzug/Neuanfang viel Geld verloren hast, im neuen Job nicht mehr so viel verdienst wie im alten oder weil der toxische Mensch keinen Unterhalt zahlt und deine anwaltlichen Kosten in die Höhe treibt.
  • Du hast starke Selbstzweifel und fragst dich, ob die Gewalt nicht weniger würde, wenn du einfach wieder zu diesem Menschen zurückkehren würdest (Spoileralarm: würde sie nicht!).
  • Du fühlst dich fremdbestimmt und so, als hättest du gar keine Kontrolle mehr über dein Leben.
  • Du verspürst eine tiefgreifende Trauer um all die Zeit, die du – wie du jetzt weißt, sinnlos – an diesen Menschen verplempert hast.
  • Du verlierst noch weiter an Lebensqualität.
  • Aufgrund all dessen fehlt dir oft die Kraft, deine Freundschaften zu pflegen und dich auch ansonsten gut um dich selbst zu kümmern.
  • Vielleicht hast du auch eine sehr realistische Angst um deine Sicherheit und dein Leben, die dich in einem anhaltenden Zustand höchster Alarmbereitschaft hält.

All das ist ungemein belastend und kann dir dein Leben sehr erschweren und ernste gesundheitliche Probleme bereiten. Hinzu kommt, dass der Heilungsprozess nach toxischer Gewalt meist ohnehin schon kein linearer ist (s. dazu auch „Warum dauert das so lange?)“. Das heißt, es kann sein, dass es dir direkt nach der Trennung fantastisch geht, doch dann geht es dir aus scheinbar unerfindlichen Gründen wieder sehr schlecht. Und in diesen schwachen Momenten bist du auch nach einer Trennung vielleicht noch extrem empfänglich für das Hoovern Fragezeichen © Toxiversum des toxischen Menschen. Und dann kommen wieder gute Phasen. Der Heilungsprozess ist eine Abfolge von Wellen, auf und ab und auf und ab und wieder auf (immer wieder auf!). Nachtrennungsgewalt erschwert den Heilungsprozess oft sehr. Umso wichtiger ist es deshalb, dass du dich in erster Linie auf dich selbst konzentrierst und dich mit sanfter Selbstfürsorge besonders gut um dich und deine Gesundheit kümmerst.

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Bitte beachte: Dieses Portal wird ausschließlich zu Informations- und Bildungszwecken bereitgestellt. Die Informationen geben wieder, was einzelne oder viele Menschen erleben bzw. erlebt haben und was ihnen dabei geholfen hat. Die Informationen sind kein professioneller medizinischer, therapeutischer oder juristischer Rat und sollen diesen auch nicht ersetzen. Professionellen Rat hole dir bitte grundsätzlich an den entsprechenden Stellen, bevor du Informationen dieser Website anwendest. Die Ansichten und Meinungen, die hier wiedergegeben werden, entsprechen nicht notwendigerweise den Ansichten und Meinungen der Toxiversum-Redaktion. Und sie sollen niemanden – keinen Menschen, keine Gruppe, keinen Verein, keine Organisation, keine Institution, kein Unternehmen und keine Religion – verunglimpfen. Alle Tipps und Hinweise, die du hier liest, wurden zwar von vielen Menschen praxiserprobt. Doch es kann leider niemand garantieren, dass sie dir helfen werden. Man kann außerdem nie die Reaktion toxischer Menschen vorhersehen, wenn sie das neue, ungewohnte oder unerwartete Verhalten einer Person irritiert und wenn sie sich dadurch verletzt oder angegriffen fühlen. Bitte achte deshalb immer zuallererst auf deine Sicherheit und suche dir immer – besonders im Notfall, aber nicht nur – Hilfe! Beachte bitte auch den Disclaimer.