Die existenzielle Erschöpfung in toxischen Beziehungen ist etwas, das Betroffene oft kaum als etwas wahrnehmen, das mit dieser Beziehung im Zusammenhang stehen könnte. Sie können sie sich und anderen meist auch nicht erklären. Woher kommt diese abgrundtiefe Erschöpfung? Wie äußert sie sich? Und was macht sie mit den Betroffenen?
In toxischen Beziehungen jeder Art ist es häufig so, dass wir zwar merken, dass irgendetwas nicht stimmt, doch wir können nicht genau sagen, was. Vielleicht können wir die offensichtlichsten Dinge benennen wie die Lügen, die Demütigungen oder die manchmal erschreckende Gefühlskälte unseres Gegenübers. Doch gibt es etwas, das neben der Traumabindung ganz enorm dazu beiträgt, dass wir all die andere Dinge, die in dieser Beziehung nicht stimmen, nicht benennen und ihnen deshalb auch nicht nachgehen können: die existenzielle Erschöpfung.
Was ist die existenzielle Erschöpfung in toxischen Beziehungen und wodurch äußert sie sich?
Das Gefühl einer existenziellen Erschöpfung ist nichts, das man durch ein paarmal Ausschlafen oder Urlaub wieder in den Griff bekommen könnte. Es ist ein Gefühl, das existenziell ist und jede einzelne Zelle in Beschlag nimmt. Diese Form der Erschöpfung ist wie eine dieser modernen schweren Bettdecken, die dazu führen sollen, dass man leichter einschläft – nur, dass sie uns auch im Wachzustand 24/7 niederdrückt und dabei immer schwerer zu werden scheint. Wir können sie nicht einfach beiseite schlagen und aufstehen – sie scheint wie angewachsen zu sein und belastet uns bei jedem Schritt.
Die Psychotherapeutin Dr. Ramani Durvasula beschreibt diese Form der Erschöpfung in ihrem Podcast als ein ständiges „Hin und Her zwischen Ängsten und Depressionen, ein Schwanken zwischen Enttäuschung, Furcht, Hilflosigkeit, Hoffnung, Verwirrung und Sorge.“ Und gerade diese Kombination ist ungemein kräftezehrend.
Sie breitet sich seelisch, emotional und körperlich aus und bringt einen Menschen nach und nach zum Erlahmen. Du fühlst dich morgens genauso müde wie abends. Du stumpfst ab. Das Fühlen richtig tiefer Gefühle wird immer seltener. Nichts macht dir mehr so richtig Freude. Du schaffst es nicht mehr, dich ausreichend um dich selbst zu kümmern. Du schleppst dich durch den Tag, fühlst dich apathisch und innerlich leer. Klare Gedanken zu fassen dauert oft erheblich länger als sonst. Du kannst dich häufig nur noch schwer konzentrieren. An Diskussionen teilzunehmen wird immer anstrengender, Gespräche gehen an dir vorbei. Du vermeidest immer öfter den Kontakt zu anderen. Und dir fehlt manchmal sogar die Kraft, Hoffnung zu haben oder an das Licht am Ende des Tunnels zu glauben. Die guten Tage oder Momente, in denen du dich wirklich gut fühlst oder so wie in den richtig guten Zeiten früher, werden immer kürzer, immer seltener oder kommen gar nicht mehr vor.
Woher kommt diese existenzielle Erschöpfung?
Die existenzielle Erschöpfung kommt natürlich nicht aus dem Nichts. Sie ist auch nicht dein Fehler oder deine Schuld! Sie hat rein gar nichts damit zu tun, dass du nicht stark genug wärst, nicht klug genug, nicht gut genug oder sonst irgendetwas nicht genug (denn das bist du! – siehe dazu auch Wer wird eigentlich Opfer von toxischen Menschen?). Diese Erschöpfung liegt einzig und allein an dem, was der toxische Mensch dir zumutet und antut, an seinen Manipulationen und seiner Gewalt.
Grob gesagt, hat die existenzielle Erschöpfung drei Gründe:
- Die toxische Gewalt ist für Opfer ständig präsent und wiederholt sich in einer Dauerschleife. Denn toxische Menschen attackieren das gesamte System ihrer Opfer sehr tiefgreifend, nicht nur mal hier, mal da etwas an der Oberfläche.
- Opfer sind dieser Gewalt, während sie bereits auf ihr System wirkt, oft lange Zeit nicht gewahr. Bemerken sie sie, ist es häufig schon zu spät: Die Erschöpfung hat längst eingesetzt und ist nur schwer zu stoppen.
- Die Opfer haben (vielleicht schon jahrelang) alle normalen, bekannten Reaktionen auf das toxische Verhalten bereits durch (z. B. nachzuhaken, zu versuchen, logische Erklärungen dafür zu finden, zu diskutieren, zu hinterfragen, zu konfrontieren, zu widerlegen, sich zu rechtfertigen u. v. m.). Doch das Verhalten des toxischen Menschen, seine Gewalt, hat sich nie nachhaltig zum Positiven verändert. Es kann unwahrscheinlich auslaugend sein, wenn man trotz ständiger Bemühungen einfach kein Rezept gegen dieses Verhalten und die Gewalt findet und keinen Weg aus der eigenen Verwirrung, Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Traurigkeit und Wut.
Hinzu kommt, dass Menschen, die es mit einem toxischen Menschen zu tun haben – ob privat oder beruflich – unfassbar viel mehr leisten müssen als die meisten anderen Menschen. Sie müssen z. B. so gut wie immer:
- besser sein als andere, aber nicht besser als der toxische Mensch, denn das erträgt er nicht,
- besser aussehen als andere, dabei aber nicht zu eitel sein und bloß nicht so viel Geld für sich und ihre Kleidung ausgeben,
- auf der Hut sein, weil sie nie wissen, wie der toxische Mensch reagieren könnte,
- die Stimmung des toxischen Menschen erspüren, um so darauf reagieren zu können, dass dieser nicht explodiert oder sie bestraft,
- die Wünsche des toxischen Menschen erahnen und im Voraus erfüllen, dabei aber nicht zu eifrig und anbiedernd erscheinen, weil er das wieder kritisieren würde,
- stets zur Stelle sein, wenn der toxische Mensch es will, und erahnen, wann er das will und wann nicht,
- sich selbst hintenan stellen,
- nicht schwach sein und Hilfe benötigen (auch wenn der toxische Mensch die immer scheinbar großzügig zusagt – dann aber genauso schnell versagt, wenn das Opfer sie tatsächlich braucht),
- keine eigenen Wünsche haben, aber wenn ausnahmsweise mal danach gefragt, sofort sehr preisgünstige Varianten parat haben, die dieser Mensch, nicht das Opfer, für würdig oder notwendig befindet – was dementsprechend mit der Realität oft wenig zu tun hat,
- keine eigenen Bedürfnisse haben, sondern sich vorrangig um die Bedürfnisse des toxischen Menschen kümmern,
- die Launen des toxischen Menschen still ertragen,
- die Gewalt durch den toxischen Menschen als (angeblich) „wohlverdient“ und womöglich sogar „gott-gegeben“ akzeptieren
- und all dies mit jedem Mal weiter perfektionieren, ohne dass es in den Augen des toxischen Menschen je perfekt genug sein wird.
Sie müssen außerdem bspw.:
- dem toxischen Menschen die Drecksarbeit abnehmen,
- weit mehr tun als das, was ihre eigentliche Aufgabe wäre, ohne einen auch nur ansatzweise ausreichenden oder überhaupt einen Ausgleich dafür zu bekommen oder sich beschweren zu dürfen,
- den toxischen Menschen anderen gegenüber häufig entschuldigen oder verteidigen, da er grundsätzlich Loyalität erwartet (die er aber selbst entweder nicht oder nur zu bestimmten Bedingungen zu geben bereit ist),
- andere bei Laune halten, für den Fall, dass der toxische Mensch sie mal nützlich finden sollte,
- ständig abwägen, was sie tun, da Spontaneität oder Unüberlegtheit aufgrund von Erschöpfung meist irgendeine Form der Strafe nach sich zieht (Demütigung, Anbrüllen, Schweigen, Entzug von (vermeintlichen) „Privilegien“ oder auch körperliche Strafen),
- aushalten, dass ihre Gedanken sich permanent im Kreis drehen, oft bis tief in die Nacht, manchmal tagelang um dasselbe Problem, ohne dass sich je eine plausible Antwort oder erträgliche Lösung finden lässt,
- ihre Gefühle im Zaum halten und sie möglichst nur auf Anweisung des toxischen Menschen oder in vorauseilender Ahnung seiner Wünsche an- und ausknipsen,
- ihre Handlungsweisen permanent an die Forderungen des toxischen Menschen anpassen,
- ihre eigenen Bedürfnisse und Träume begraben, weil nur die des toxischen Menschen zählen,
- nicht zuletzt, aber besonders wichtig: die alltägliche emotionale, seelische und ggf. auch körperliche Gewalt aushalten und die Folgen irgendwie schultern,
- trotzdem noch zu mindestens 100 Prozent funktionieren und
- dankbar dafür sein, dass der toxische Mensch sich mit ihnen trotz all ihrer angeblichen „Fehler“ und „Defizite“ überhaupt noch abgibt, weil er als angeblich einziger Mensch dieser Welt ihr angeblich Bestes will (was aber immer nur das Beste für den toxischen Menschen ist).
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Wieso können wir aber trotzdem noch funktionieren?
Der Alltag mit einem toxischen Menschen ist also extrem anstrengend und dadurch unfassbar erschöpfend. Das Paradoxe daran ist, dass wir dennoch teilweise recht gut funktionieren können. Wir schaffen es, bspw. trotzdem pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Wir schaffen es das Essen für die Kinder rechtzeitig auf den Tisch zu bringen. Wir schaffen es, uns zusätzlich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern. Wir schaffen es, das Nötigste einzukaufen u. Ä. Das klappt manchmal sogar so gut, dass Außenstehende und teilweise auch das engere Umfeld gar nicht mitbekommen, dass hier etwas ganz und gar im Argen liegt. Würden sie genauer hinschauen, würden sie sehen, dass dies alles Dinge sind, die wir nicht für uns selbst tun (auch wenn es uns eingeredet wird als bspw.: Du bist so ein fürsorglicher Mensch, du würdest deine Angehörigen ja niemals im Stich lassen, womit nicht nur ein Pflichtgefühl, sondern auch gleich ein vorauseilendes Schuldgefühl implantiert wird). Wir funktionieren also meist nur gut, wenn wir etwas für andere tun (müssen).
Warum? Der Mensch an sich ist ein sehr resilientes Wesen. Er kann sehr viel aushalten (was dieses Aushalten mit ihm macht, steht auf einem anderen Blatt). Und toxische Menschen trainieren ihre Opfer Schritt für Schritt darauf, ihre eigenen grundlegenden Bedürfnisse und Wünsche zu vernachlässigen und irgendwann gar nicht mehr wahrzunehmen. Und sie (und unsere Gesellschaft) haben den Opfern genug Pflicht- und Schuldgefühl eingeimpft, damit sie all die weiter oben aufgelisteten Dinge ohne Rücksicht auf das eigene Befinden erledigen. Die Opfer verlieren auf diese Weise Schritt für Schritt den Bezug zu sich selbst, zu ihrem Körper, ihrer Seele und ihren Gefühlen, aber sie können gleichzeitig schuften, als sei alles in Ordnung.
Wir haben also einerseits das Gefühl für unsere eigenen wichtigsten Bedürfnisse verloren. Und andererseits bemerken viele in unserem Umfeld gar nicht, dass es uns schlecht geht, weil wir immer noch so gut funktionieren. Es ist ein Kreislauf, den toxische Menschen da in Gang setzen, aus dem es gar nicht so leicht ist, wieder auszusteigen – zu stark sind unsere (implantierten) Pflicht-, Schuld- und Schamgefühle, und zu groß die Erschöpfung.
Verschwindet mit dem Ende der Beziehung/des Kontakts auch die Erschöpfung?
Hast du es noch mit einem toxischen Menschen zu tun, kann es enorm schwer sein, diese Erschöpfung zu überwinden – denn die Forderungen des toxischen Menschen hören ja nicht auf, bloß weil es für dich existenziell wichtig wäre. Im Gegenteil: Sehr viele toxische Menschen saugen ihre Opfer aus wie Vampire, bis auf den letzten Tropfen. Und dann wenden sie sich mit dem verächtlichen Hinweis ab, das Opfer wäre viel zu ausgelaugt und daher uninteressant geworfen. Noch dazu wäre es selbst schuld an seiner Erschöpfung und deshalb ungeeignet als Partner:in, Mitarbeiter:in o. a.
Viele Opfer haben dann die Hoffnung, dass ihre Kräfte nach dem Ende der toxischen Beziehung/des Kontakts zu dem toxischen Menschen schlagartig zurückkommen. Denn der direkte Einfluss des toxischen Menschen sei ja dann weg. Was sie nicht mit einkalkulieren, ist, dass der toxische Mensch weiterhin indirekt Einfluss auf sie hat. Je länger die Beziehung gedauert hat, je enger das Opfer an diesen Menschen gebunden war, desto stärker wurde es durch ihn indoktriniert. Und desto unbewusster laufen viele Verhaltensweisen ab. Bist du z. B. mit einem toxischen Elternteil aufgewachsen, kann es sein, dass du jahrzehntelang mit angezogener Handbremse lebst, weil es dir so eingetrichtert wurde und du glaubst, „so“ wärst du halt. Diese Verhaltensweisen und dieser Glaube können auch anhalten, wenn du den Kontakt längst abgebrochen hast oder das betreffende Elternteil verstorben ist. Erst recht, wenn dir nicht klar ist, wie viel Manipulation und Gewalt du wirklich erlebt hast und du sie deshalb auch nicht aufarbeiten kannst. Und so kann sich auch deine existenzielle Erschöpfung jahre- und jahrzehntelang halten.
Aber auch die Aufarbeitung des toxischen Missbrauchs kostet viel Kraft. So kann es manchmal dazu kommen, dass du einerseits viel Kraft durch diese Aufarbeitung gewinnst. Aber andererseits scheinen dir die Erkenntnisse, das Gewahrwerden, deine noch nicht veränderten Denk- und Verhaltensweisen und deine anhalten Reaktionen auf bestimmte Trigger diese Kraft gleich wieder zu rauben. Zumal der Heilungsprozess nach einer toxischen Beziehung so gut wie nie linear verläuft und in sich ziemlich kräfteraubend sein kann (s. dazu auch: „Warum dauert das so lange? Stadien der Heilung nach toxischer Gewalt“).
Ist das so, heißt das aber noch lange nicht, dass es so bleiben muss. In aller Regel finden die Menschen, die sich aus einer toxischen Beziehung befreit haben und die Gewalt, den Missbrauch, den ganzen Mindfuck aufgearbeitet haben, ihre Kraft wieder. Manchmal auch schon in kleinen Schritten, wenn sie diesen Weg gerade erst begonnen haben. All die Energie, die Lebensfreude und das Schöne, das ihnen im Lauf der Beziehung oder wegen dieser Beziehung verloren gegangen war, kann also durchaus wiederkommen. Und du kannst diesen Prozess auch schon starten, wenn du dich (noch) nicht aus dieser Beziehung befreien kannst, wenn du gute Gründe hast, (noch) bei dem toxischen Menschen zu bleiben.
Das „Exit-Mantra“ des Toxiversums ist „Die beste Rache ist ein gutes Leben!“ (warum?). Es lohnt sich wirklich, darauf hinzuarbeiten. Denn beides bedingt und unterstützt einander nach und nach: Das Überwinden der existenziellen Erschöpfung kann dir das Tor für das gute Leben öffnen – und das gute Leben kann dir Kraft und Lebensfreude zurückbringen. Wie du diese tiefe Erschöpfung überwinden kannst, das erfährst du hier (P): Wie kannst du die existenzielle Erschöpfung in toxischen Beziehungen überwinden?

