Toxische Klischees: Es gehören immer zwei dazu! Wirklich?

Es gehören immer zwei dazu! Diesen Satz hören viele Menschen, die über Schwierigkeiten in einer Beziehung sprechen. Oft soll er die scheinbare emotionale Einseitigkeit ihrer Schuldzuweisungen relativieren. Doch trifft dieser Satz auch zu, wenn es um toxische Menschen geht? Oder ist er nur eins von unzähligen toxischen Klischees?

Es gehören immer zwei dazu“ ist einer dieser banalen Sprüche, die in den letzten Jahrzehnten im Standardrepertoire vieler Küchenpsycholog:innen tiefe Wurzeln geschlagen haben und ihnen sehr leicht über die Lippen gehen. Doch nicht nur dort – auch in Therapie-Gesprächen kann dieser Satz auf die eine oder andere Weise fallen. „Warum hast du es denn überhaupt so weit kommen lassen?“, hört man, „Hast du dich schon mal gefragt, was du selbst dazu beigetragen hast, dass die Beziehung an diesem Tiefpunkt ist?“ oder „Für dich ist aber an auffällig vielem der andere schuld. Merkst du das?“ Was aber für ganz normale, gesunde Beziehungen in Ordnung sein mag, kann für einen Menschen in einer toxischen Beziehung furchtbare Folgen haben.

Wie unterscheiden sich normale von toxischen Beziehungen?

Normale, gesunde Beziehungen fußen auf gegenseitigem Respekt, auf Augenhöhe und auf gegenseitiger Unterstützung. Ihr mögt oder liebt einander, ihr schätzt viele Dinge aneinander, und ihr möchtet, dass es dem jeweils anderen Menschen gut geht. Ihr interessiert euch ehrlich füreinander, und ihr helft einander, wenn ihr könnt.

Toxische Beziehungen basieren dagegen auf einem extremen Machtgefälle, bei dem der toxische Mensch meist bestimmt, was gemacht wird, und du tun musst, was und wie er es will, wenn du Frieden haben willst. Augenhöhe bedeutet für ihn, dass er aus der Höhe auf dich herabschaut und du demütig die Augen niederschlägst. Außer sich selbst respektiert er so gut wie niemanden (dich schon gleich gar nicht). Seine positiven, freundschaftlichen oder liebevollen Gefühle für dich sind eher oberflächlich und nur dann positiv, wenn du so funktionierst, wie er das will. Vielleicht schätzt er etwas an dir, das ihm seinen Status und Ruf sichert oder ihm die Zeit und seine enorme Langeweile vertreiben kann. Wirkliches Interesse hat er aber nur für das, was du ihm zum Erreichen seiner Ziele bieten kannst oder was er dafür verwenden kann, dich unter Druck zu setzen, zu demütigen oder aus dem Weg zu räumen. Er hilft dir nur, wenn es ihm nützt, und er verlangt immer eine Gegenleistung dafür, manchmal sofort, manchmal erst viele Jahre später. Eine einmalige Unterstützung wird er dir noch jahrelang als etwas vorhalten, das du alleine ihm zu verdanken hast und für das du ihm für ewige Zeiten etwas schuldest. Ob es dir gut geht, ist ihm reichlich egal – wichtig ist, dass du ihm immer rechtzeitig aus dem Weg gehst und alles nur für ihn tust. Wenn du dich jedoch weigerst, manipuliert er dich, spielt mit deiner Wahrnehmung und bedient sich der ganzen Palette der häuslichen Gewalt, einfach weil er es kann und weil er es will.

Was heißt dann „Es gehören immer zwei dazu“?

Es gehören immer zwei dazu“ klingt zunächst eigentlich logisch, denn kein Mensch bewegt sich in „luftleerem“ Raum. Handelt er auf eine bestimmte Weise, dann kann er das – so scheint es – nur, weil er ein Gegenüber hat, das dies wissentlich oder unwissentlich zulässt und auf bestimmte Weise darauf reagiert oder auch nicht. Wird ein Mensch bspw. sehr wütend und brüllt herum, dann kann er das tun, solange ihm niemand Einhalt gebietet. Setzt er eine Lüge in die Welt, geht das so lange gut, wie ihn niemand wegen dieser Lüge zur Rechenschaft zieht. Wirfst du diesem Menschen dann seine Wut oder Lüge vor, nachdem du beides scheinbar tatenlos zugelassen hast, stellen sich viele automatisch die Frage: Wenn’s doch so schlimm für dich war, warum hast du das nicht unterbunden? So weit, so vermeintlich normal, wenn auch hier schon teilweise mehr als fragwürdig. Denn damit gibt man gerade im Kontext von Gewalt dem Opfer vorauseilend eine Mitverantwortung oder sogar Mitschuld.

Wir müssen uns aber endlich von dem Gedanken verabschieden, dass Opfer toxischer Menschen in diesen Beziehungen genauso handlungsfähig und wehrhaft sind wie Menschen in normalen, gesunden Beziehungen. Denn das sind sie meistens nicht. Sie wurden auf vielfältige Weise manipuliert und unter Druck gesetzt. Manche haben sogar eine lebenslange Vorgeschichte der Extremmanipulation durch ein toxisches Elternteil hinter sich. Deshalb sind ihre Wahrnehmung und ihr Urteilsvermögen in Teilen außer Kraft gesetzt. Nicht zuletzt werden viele Opfer so sehr von den toxischen Menschen bedroht, dass sie unter teils lähmenden Ängsten leiden, die ihr Handeln und ihre Gegenwehr stark einschränken.

Das alles können sie nicht einfach ausknipsen und für ihr Handeln oder Nicht-Handeln die volle Verantwortung übertragen bekommen, wenn ein toxischer Mensch ihnen Gewalt antut. Was wir uns auch immer wieder vergegenwärtigen müssen, ist dies:

Das Opfer eines toxischen Menschen steht nicht erstarrt in den Scheinwerfern des heranfahrenden Autos und ist nur zu blöd, um beiseite zu springen; vielmehr wurde es von dem toxischen Menschen mitten auf der Straße festgebunden, bevor er zielgenau auf es zufährt.

Von dem Opfer nun zu erwarten, dass es sich selbst aus dieser Situation rechtzeitig befreien kann, bevor es zu Schaden kommt, ist völlig absurd. In aller Regel braucht es Zeit, unwahrscheinlich viel Kraft und sehr viel geduldige Unterstützung von außen, um da rauszukommen. Doch viele Opfer haben diese Voraussetzungen nicht, denn sie wurden von dem toxischen Menschen unter Druck gesetzt, bedroht, ausgelaugt und von ihrem unterstützenden Umfeld ganz bewusst isoliert.

Was bewirken solche Sprüche bei Opfern toxischer Menschen?

Ein toxischer Mensch agiert natürlich nie im luftleeren Raum. Hätte er sein(e) Opfer nicht und all seine Flying Monkeys Fragezeichen © Toxiversum und Enabler:innen Fragezeichen © Toxiversum, dann könnte er seine Gewalt gar nicht ausüben. Denn er hätte niemanden, gegen die oder den er gewalttätig sein könnte, und er hätte keine Leute, die ihn dazu überhaupt erst befähigen und dabei aktiv oder passiv unterstützen.

Wer sich in einer toxischen Beziehung befindet, wird sehr bald feststellen, dass die normalen Bordmittel des menschlichen Miteinanders (Respekt zeigen, freundlich sein, zuhören, aufeinander eingehen, Verständnis haben, noch eine Chance geben, miteinander reden, das Beste geben, sich noch mehr anstrengen u. Ä.) rein gar nichts bewirken. Dass sie in manchen Fällen die Gewalt sogar noch verstärken.

Da viele Opfer zudem im Lauf der Zeit von ihren vertrauten, verlässlichen Menschen isoliert wurden, können sie sich keine praktische Hilfe von außen erhoffen. Sie haben auch kaum eine Chance auf ein Gedankenkorrektiv, d. h. darauf, dass ihnen jemand überzeugender als der toxische Mensch sagt und zeigt, dass das, was sie erleben, nicht ihr Fehler, ihre Schuld ist, und dass es Gewalt ist.

Dem Opfer eines toxischen Menschen eine Mitverantwortung oder -schuld an dem, was ihm angetan wird, zu geben, ist nicht nur eine Form des Gaslightings Fragezeichen © Toxiversum. Es hat auch eine lange Tradition. Insbesondere weibliche Opfer können unzählige Lieder davon singen, dass sie bspw. an ihrer Vergewaltigung angeblich eine Mitschuld trügen, wenn sie betrunken waren oder sexy gekleidet. Oder dass sie selbst schuld seien, wenn sie in einer gewalttätigen Beziehung blieben, anstatt sofort das Weite zu suchen. Doch nachweislich trifft nichts davon zu! Diese und viele weitere naive, uninformierte und leider oft auch ganz bewusste Schuldzuweisungen halten sich dennoch hartnäckig und werden vom direkten Umfeld der Opfer und Täter:innen bis hin zu Institutionen wie Jugendamt, Polizei und Gericht unreflektiert immer weiter geäußert und auf diese Weise zementiert.

So bleiben viele Opfer in der Gewaltspirale gefangen und geben sich selbst dafür die Schuld oder mindestens eine Mitschuld. Sie glauben am Ende, sie seien selbst verantwortlich dafür, dass es ihnen so schlecht geht. Kommt nun ein:e Küchenpsycholog:in und behauptet: „Es gehören immer zwei dazu!“, dann kann das die Situation für die Betroffenen noch verschlimmern. Sie geben sich ja ohnehin die Schuld, der toxische Mensch gibt ihnen die Schuld, und nun kommen auch noch andere Menschen und bestätigen das (im schlimmsten Falle ausgerechnet die, die ihnen qua Beruf helfen müssten, z. B. Therapeut:innen)!

Damit scheint für die Betroffenen gesichert, dass sie Totalversager:innen in Sachen Beziehung sind. Dass sie nichts auf die Reihe bekommen, nicht einmal ein ganz normales, ziviles tägliches Miteinander. Dies wiederum führt oft dazu, dass sie sich bis zur restlosen, existenziellen Erschöpfung aufreiben, um sich zu bessern, um sich noch stärker an die Erwartungen des toxischen Menschen anzupassen und ihm seine Wünsche noch exakter zu erfüllen. Viele vernachlässigen dabei sich selbst, ihre seelische und körperliche Gesundheit, da sie sich vollständig in den Dienst des toxischen Menschen stellen. Und sie bleiben in der Beziehung, da sie froh sind, dass dieser Mensch sich überhaupt noch mit ihnen abgibt, obwohl sie so enorm fehlerbehaftet sind. Und weil sie Angst haben, diesen Menschen, die scheinbare Sicherheit, die er darstellt, und noch viel mehr durch eine Trennung zu verlieren. Manche bewegen sich dabei so weit weg von sich selbst, dass sie ihre Identität verlieren und sich nur noch über den toxischen Menschen definieren. Das kann sehr zerstörerisch und manchmal sogar lebensgefährlich sein.

„Es gehören immer zwei dazu!“ macht die Situation für Betroffene nur noch schlimmer

Bist du also in einer Beziehung mit einem toxischen Menschen (familiär, Freundschaft Liebesbeziehung, Arbeit, Nachbarschaft o. Ä.), dann kannst du den Satz „Es gehören immer zwei dazu!“ getrost weit von dir weisen. Denn es gibt nur einen einzigen Menschen, der verantwortlich für sein toxisches Verhalten und die Gewalt ist, die er gegen dich ausübt: der toxische Mensch selbst. Bist du Opfer eines solchen Menschen, trägst du weder Verantwortung für dessen Verhalten noch irgendeine Schuld oder Mitschuld daran. Auch dann nicht, wenn du dich nicht gewehrt hast, diesen Menschen nicht verlassen hast oder dich nicht auf irgendeine Weise vor seiner Gewalt hast schützen können. Denn Opfer dieser Menschen ist dies meist völlig unmöglich – dafür sorgen toxische Menschen sehr nachhaltig mit all ihren Methoden.

Der Satz „Es gehören immer zwei dazu!“ ist also ein toxisches Klischee, das die Situation für die Opfer nur noch schlimmer machen kann. Wir müssen mit diesem küchenpsychologischen Unsinn und dem fehlgeleiteten, schädlichen Verständnis für die Gewalt durch toxische Menschen endlich aufhören. Und wir sollten die Schuld da lassen, wo sie hingehört: bei den toxischen Menschen, die sich mehrheitlich jederzeit dafür entscheiden können, keine Gewalt auszuüben. Dass sie es dennoch tun, ist niemals Verantwortung oder Schuld ihres Opfers, nur ihre eigene. Gehören also immer zwei dazu? Nein.

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