Toxische Kindheit: Was bedeutet es für Kinder, toxische Eltern zu haben?

Eine toxische Kindheit ist eine Kindheit voller emotionaler, seelischer und körperlicher Gewalt und für die meisten Kinder die Hölle. Es kann ein jahre- oder sogar jahrzehntelanger Kampf sein, die Schäden, die solche Eltern anrichten, zu erkennen und aufzuarbeiten. Was bedeutet es für Kinder, toxische Eltern zu haben?

Wir reden in Deutschland viel zu wenig über Gewalt. Auch und gerade über die Gewalt toxischer Eltern gegenüber ihren eigenen Kindern. So wachsen Generation für Generation unzählige Kinder in dem Wissen auf, dass sie dann, wenn sie am dringendsten Hilfe von anderen benötigen, alleingelassen werden. Dass ihnen niemand aus ihrem Umfeld hilft, weil sich niemand in die Familienangelegenheiten anderer einmischen will. Dass aber auch Schule, Ärzt:innen und Behörden entweder nichts tun oder scheinbar machtlos sind. Und dass toxische Eltern deshalb übermächtig sind.

Zu toxischen Eltern zählen übrigens nicht nur die primären Täter:innen, sondern auch ihre Flying Monkeys Fragezeichen © Toxiversum und Enabler:innen Fragezeichen © Toxiversum, also auch dasjenige Elternteil, das die Gewalt zugelassen hat. Auch wenn jenes Elternteil oft selbst ein Opfer des toxischen Menschen ist, wäre es doch seine erste und wichtigste Elternpflicht, das Kind oder die Kinder vor dieser Gewalt zu schützen, anstatt nur sich selbst aus dem Schussfeld zu ziehen.

Eine toxische Kindheit und ihre Folgen

Eine toxische Kindheit ist von außen nicht immer leicht zu erkennen. Denn Kinder sind – bis zu einem gewissen Grad – meist sehr resilient. Das heißt, sie halten häufig eine Menge aus, ohne ständig vor anderen Menschen zusammenzubrechen oder immerzu krank zu werden. Oder sie schämen sich so sehr für das, was zu Hause passiert oder haben solche Angst vor dem toxischen Elternteil, dass sie alles dafür tun, um andere dies nicht merken zu lassen. Mit anderen darüber zu sprechen, allein um sich zu entlasten, kommt für sie oft gar nicht infrage.

Toxische Eltern achten auch sehr darauf, dass ihre Kinder sogar in ihrer Abwesenheit ganz in ihrem Sinne funktionieren, sie nicht blamieren und es keine sichtbaren Anzeichen ihrer Gewalt gibt. Eine toxische Kindheit erscheint zudem nicht permanent toxisch. Insbesondere dann, wenn andere dabei zuschauen, kann eine Kindheit mit einem toxischen Elternteil wunderschön erscheinen. Dann gibt sich das Elternteil charmant, zugewandt, liebevoll, großzügig, verständnisvoll – doch hinter verschlossenen Türen wird das Leben wieder zur Hölle.

Werden solche Kinder erwachsen, wollen sie oft nichts mehr von der Gewalt wissen. Sie wollen einfach nur raus und haken das unter „schwierige Kindheit, aber ist ja jetzt vorbei“ ab. Und manche können das Erlebte gut abstreifen und ein glückliches und zufriedenes Leben führen. Doch viele holt ihre Kindheit irgendwann wieder ein. Das kann beispielsweise in Form von körperlichen oder psychischen Ausnahmezuständen geschehen. So kann es sich in einer wiederholten oder zunehmenden oder plötzlichen Unfähigkeit zeigen, mit dem Leben oder bestimmten Situationen klarzukommen, sich in die Gesellschaft einzufügen oder gesellschaftliche Standards oder eigene Träume zu erfüllen. Oder es zeigt sich durch sich immerzu wiederholende Verhaltens- und Erlebensmuster, die die Betroffenen und ihr Umfeld stark beeinträchtigen und belasten können.

Woran kannst du eine toxische Kindheit erkennen?

Nicht alle der folgenden Punkte treffen auf jedes toxische Elternteil zu. Doch sind sie alle sehr typische Anzeichen für eine toxische Kindheit. Wer toxische Eltern hat(te), wird diese Anzeichen vielleicht für ganz normal halten. Doch das sind sie ganz und gar nicht. Sie alle sind Formen von emotionaler, seelischer und körperlicher Gewalt.

  • Du musstest auf Knopfdruck funktionieren. Das heißt, etwas nicht zu können, dir selbst nicht zuzutrauen, krank, ängstlich oder schwach zu sein, hatte nicht vorzukommen oder wurde verhöhnt.
  • Für dieses Elternteil warst du entweder seine Schöpfung oder lästig oder nicht vorhanden.
  • Man durfte dich (höchstens) sehen, aber nicht hören. Du musstest still sein, durftest nicht dazwischenreden und durftest lediglich als hübsche Deko anwesend sein und/oder musstest dich vor anderen Leuten bloßstellen, demütigen und verhöhnen lassen.
  • Fast jedes normale kindliche Verhalten sah das Elternteil als falsch an und tadelte, verhöhnte und/oder bestrafte es übermäßig oft und übermäßig stark. Dabei war es egal, ob es um ein kindliches Bedürfnis ging, ob du bspw. geweint hast, dich gefürchtet hast, Schmerzen hattest, etwas Wunderschönes erlebt hast oder in kindlicher Spielfreude herumgetobt bist.
  • Du musstest nützlich sein. Warst du nicht nützlich, warst du nichts wert.
  • Du standest unter ständigem Leistungsdruck – für schlechte Leistungen (z. B. schlechte Schulnoten) wurdest du ignoriert oder gemaßregelt und bestraft. Du warst nur (vorübergehend) beliebt bei diesem Elternteil, wenn deine Leistung seinen Ansprüchen genügten.
  • Du konntest dich in deiner Kindheit nur auf eins verlassen: dass du dich auf deine toxischen Eltern nicht verlassen konntest. Vielleicht legten sie Wert auf Pünktlichkeit und oberflächliche, äußerliche Verlässlichkeit und hielten sich selbst sogar weitgehend daran. Doch emotional war absolut kein Verlass auf sie. Sie waren nicht für dich da.
  • Du fühltest dich abgestumpft und depressiv, bekamst keinen, nicht ernst gemeinten oder nicht ausreichenden Trost. Stattdessen solltest du „dich nicht so anstellen“ oder „dich zusammenreißen“, was natürlich nicht funktionierte.
  • Es gab keine echte Nähe und Tiefe mit diesem Elternteil. Alles blieb meist sehr an der Oberfläche.
  • Es gab keine sinnvollen, zielführenden Diskussionen. Stattdessen herrschte entweder eine Basta-Politik (Das ist so, weil ich das sage, basta!), die Diskussionen drifteten immer ins Absurde ab und endeten in Vorwürfen oder körperlicher Gewalt gegen dich, oder sie wurden so wirr, dass du nichts mehr verstanden und dich schon allein deshalb zurückgezogen hast.
  • Deine Gedanken, Gefühle, Wünsche und Hoffnungen, sogar viele deiner Bedürfnisse interessierten dieses Elternteil nicht. Auch deine Erlebnisse waren meist uninteressant, wenn sie nicht mit hervorragender Leistung, einer Auszeichnung oder etwas Nützlichem für dein Elternteil verbunden waren oder mit etwas, mit dem dieses Elternteil vor anderen angeben oder das es als seine eigene Errungenschaft ausgeben konnte (Sie ist heute so erfolgreich, weil ICH damals … mit ihr gemacht habe).
  • Deine Wünsche nutzte das Elternteil auch für Future-Faking Fragezeichen © Toxiversum: Wenn du … tust, dann bekommst du … Doch hielt es nicht immer oder nie sein Versprechen, egal wie sehr du darauf gehofft hast oder sogar darum gebettelt hast.
  • Du warst nie genug, so wie du warst. Das Elternteil fand immer etwas zu kritisieren und zu optimieren.
  • Du warst mit deinen Sorgen und Nöten immer allein. Hilfe von deinem Elternteil war meist nicht zu erwarten. Gab es sie doch, dann meist nur sehr unwillig, unzuverlässig oder verbunden mit der Forderung nach einer Gegenleistung.
  • Diesem Elternteil zu zeigen, was du besonders gern hattest oder tatest, war häufig ein Fehler. Zum einen zeigte es völliges Desinteresse daran oder machte sich darüber lustig. Zum anderen nutzte es diese Dinge als Druckmittel (du darfst erst …, wenn du … gemacht hast), wenn es seinen Willen durchsetzen wollte. Oder es bestrafte dich mit dem Entzug dieser Dinge, wenn du dich nicht so verhalten hast, wie es das von dir verlangte.
  • Im Vertrauen mit diesem Elternteil zu sprechen war oft gefährlich, denn es missbrauchte dieses Vertrauen immer wieder. Es erzählte Anvertrautes herum oder nutzte es, um dich damit unter Druck zu setzen oder zu erpressen.
  • Du hattest wenig Freiraum – vieles von dem, was du tatest, schrieb dir dieses Elternteil vor. Ohne Erlaubnis durftest du so gut wie nichts tun. Es kontrollierte dich ständig, schnüffelte dir hinterher und schämte sich nicht, dir irgendetwas höhnisch oder wütend zu präsentieren, das es in deinem geheimsten Geheimversteck gefunden hatte, und dich dafür zu bestrafen.
  • Deine Bedürfnisse waren grundsätzlich nachrangig. Musste es sich einmal um deine Bedürfnisse kümmern, weil es unerlässlich war (z. B. Elternabend, Krankenhaus, Kleidung kaufen, Essen machen), war es angespannt, schlecht gelaunt und vorwurfsvoll.
  • Du fühltest dich häufig schuldig, selbst wenn du nichts falsch gemacht hattest. Erst recht, wenn dir das Elternteil vorhielt, wie viel besser du es angeblich hattest als es selbst. Oder was es alles für dich geopfert habe und was du ihm deshalb alles zu verdanken hättest. Diese oft vorauseilenden Schuldgefühle kannst du womöglich dein Leben lang nicht abschütteln. Aus diesem Schuldgefühl heraus machst du sehr viele Dinge, die du nicht machen willst oder ansonsten nie machen würdest. Und du opferst Zeit, Träume, Karriere und andere Beziehungen, um es dem Elternteil endlich recht zu machen (was aber nie geschieht).
  • Körperliche Gewalt redete dieses Elternteil klein. Es behauptete, ihm täte es viel mehr weh als dir, oder es mache dies „nur aus Liebe“ zu dir.
  • Du hast dich bei diesem Elternteil nie wirklich sicher und aufgehoben gefühlt.
  • Du wusstest nie, was dich zu Hause erwartete: die Launen und damit die Willkür und Gewalt dieses Elternteils schwankte täglich, manchmal stündlich.
  • Es verbot dir Dinge, die für andere Kinder deiner Generation und deiner Kultur völlig normal waren. Eine Begründung gab es oft nicht, höchstens ein Weil ich das will!
  • Überhaupt waren Weil ich das sage! und Weil ich das will! sehr häufige und typische „Begründungen“ für die Forderung an dich, Dinge zu tun, die du nicht tun wolltest, die dir Angst machten, für die du dich schämtest, die dir wehtaten oder die dir jede Freude nahmen.
  • Du schwanktest häufig zwischen Sorge, Angst, Traurigkeit, Schuldgefühl, Scham, Verwirrung, Verunsicherung, Niedergedrücktsein, tiefer Depression und halbwegs leichten, fröhlichen, guten Tagen.
  • Du fühltest dich häufig oder immer unwert, anders, merkwürdig, fehl am Platz, falsch in dieser Familie, ungebliebt, nicht akzeptiert, nicht einmal als Kind, als Mensch respektiert.
  • Tatest du, was du wolltest, machte dieses Elternteil dir oft ein schlechtes Gewissen. Dabei ging es ihm nie um deine Wünsche, deine Ziele oder dein Wohlergehen, sondern nur um den Macht- und Kontrollverlust und die Tatsache, dass sich für dich nicht alles um dieses Elternteil drehte.
  • Um es diesem Elternteil recht zu machen und Konflikte zu vermeiden, hast du gelernt, es anzulügen. Du hattest aber immer Angst, aufzufliegen.
  • Dein Elternteil verhielt sich wie ein trotziges Kleinkind, wenn es seinen Willen nicht bekam. Denn es wollte, dass seine Wünsche, Interessen und Bedürfnisse immer an erster Stelle standen. Nur, dass der Trotz sich oft in jeder Form der Gewalt dir gegenüber äußerte.
  • Augenhöhe war etwas, das das Elternteil höchstens nach außen hin spielte, aber nie dir (auch nicht als erwachsenem Menschen) gegenüber als selbstverständlich ansah. Du musstest weiterhin Abwertungen, ungerechtfertigte und übermäßige Kritik, Demütigungen und Verhöhnungen ertragen.
  • Du konntest entweder kaum Eigenständigkeit entwickeln oder musstest schon früh extrem eigenständig sein.
  • Du weißt gar nicht recht, wer du überhaupt bist. Ein Gefühl dafür, wer du bist, konntest du kaum entwickeln, weil dein Elternteil dir meistens vorschrieb, wer und wie du zu sein hattest, was du zu mögen und abzulehnen hattest, was du zu tun hattest und was nicht. Du musstest immer zwischen drei Ichs hin- und herchangieren: dem Ich, das du sein musstest, dem, das du warst und dem, das du sein wolltest.
  • Du hast immer wieder versucht, diesem Elternteil klarzumachen, dass es dich verletzt, und es gebeten oder angefleht, sein Verhalten dir gegenüber zu ändern. Vielleicht hat es sich für zwei Sekunden einsichtig gezeigt und Besserung gelobt. Doch war das schnell vergessen. Und grundlegend hat sich sein Verhalten in all den Jahren und Jahrzehnten absolut nicht verändert.

Vielleicht erkennst du einige dieser Muster wieder. Vielleicht bemerkst du aber auch, dass einige dieser oben genannten Punkte bis heute so ablaufen. Vielleicht nicht nur mit deinem Elternteil, sondern auch mit einem anderen Menschen. Und dass sich deine durch das toxische Verhalten deines Elternteils erlernten Verhaltensweisen und Reaktionsmuster bis heute durchziehen. Dann kann es hilfreich sein, dir die Methoden toxischer Menschen einmal gründlicher anzuschauen, zu lernen, wie du ihnen klare, konsequente Grenzen setzt, zu schauen, welche Menschen du noch in deinem Umfeld haben möchtest und welche lieber nicht, und spätestens jetzt damit anzufangen, dich richtig gut und liebevoll um dich selbst zu kümmern. Ob du dies mit oder ohne professionelle Hilfe machst, ist natürlich dir überlassen. Doch kann es sehr hilfreich sein, wenn du dir Unterstützung für diesen Prozess suchst, die sich mit diesen Themen auskennt. Denn das kann dir deinen Weg sehr erleichtern.

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