Warum glaubt dir niemand, dass du in einer toxischen Beziehung bist?

In einer toxischen Beziehung zu sein bringt viele, teils gravierende Nachteile mit sich. Einer davon ist, dass das Umfeld der Opfer meistens nicht glaubt, dass sie in einer toxischen Beziehung sind. Du bist damit also nicht allein. Aber warum glauben sie dir nicht?

Erzählst du anderen: „Ich glaube, ich bin in einer toxischen Beziehung.“, erntest du von vielen Unverständnis, teilweise sogar Ablehnung. Einige sagen: „Du spinnst ja. So etwas habe ich über den (oder die) noch nie gehört!“ Andere sagen: „Das kann ich nicht glauben. Der (oder die) ist doch so nett!“ Und wieder andere sagen: „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass es mit dir auch gar nicht so leicht ist? Dass du vielleicht selbst schuld an euren Problemen bist?“ Sie alle haben eins gemein: Sie glauben dir nicht. Doch warum ist das so?

1. „Der ist doch so nett“

Die meisten toxischen Menschen spielen anderen gegenüber verschiedene Rollen. Eine Rolle spielen sie dir z. B. in der Love-Bombing-PhaseFragezeichen © Toxiversum vor, eine andere spielen sie deiner Familie und deinem engsten Freundeskreis vor, wieder andere der Nachbarschaft, dem Kollegium, den Vorgesetzten usw. Fast allen, außer dir, spielen sie den netten Menschen von nebenan vor, die perfekte Arbeitgeberin, den perfekten Kollegen, den Traum-Partner, die gute Freundin usw.

Zwar vergessen sie immer wieder mal, wem sie bislang welche Rolle vorgespielt haben, und fallen deshalb ab und zu sprichwörtlich aus der Rolle. Das erzeugt dann kurzzeitig eine kognitive Dissonanz Fragezeichen © Toxiversum bei den anderen, die sich wundern, warum dieser sonst so „nette“ Mensch gerade „so merkwürdig“ war. Sie ahnen nicht, dass er gerade sein wahres Gesicht gezeigt hat. Aber dieser kleine Ausfall ist meistens nicht genug, um sie von ihrem positiven Urteil über ihn abzubringen. Zu lange und zu überzeugend hat er ihnen schon die Rolle des guten, ehrlichen, treuen Menschen vorgespielt.

2. „Du warst doch bislang glücklich!“

Aber sie haben nicht nur vom toxischen Menschen einen so positiven Eindruck. Auch du hast ihnen gegenüber bisher vielleicht behauptet, dass alles in Ordnung zwischen euch beiden sei. Dass das nur eine Schutzbehauptung war, wusstest du wahrscheinlich selbst lange nicht. Und der toxische Mensch wird wahrscheinlich dasselbe von euch behauptet haben, auch wenn er wusste, dass es dir wegen ihm dreckig ging.

Die Menschen, denen du dich jetzt anvertraust, können das deshalb erst recht nicht wissen. Sie können wahrscheinlich auch nicht ahnen, dass du Angst hattest, etwas anderes zu sagen, weil sich der toxische Mensch z. B. an dir rächen, dich verlassen, dich rauswerfen könnte oder Ähnliches. Oder dass du dich geschämt hast, etwas Schlechtes über diesen vermeintlich so guten, tollen, wunderbaren Menschen zu sagen. Dass es dir peinlich war, zuzugeben, dass du dich wohl in ihm geirrt und keine Ahnung hast, wie du aus der Nummer wieder rauskommst.

Wenn sie dich nicht extrem gut kennen, werden sie deshalb die Anzeichen, dass es dir nicht gut geht, dass du Angst hast usw. übersehen oder falsch gedeutet haben. Und dich einfach beim Wort genommen haben. Deshalb ist deine heutige Einschätzung der Beziehung erst einmal überraschend für sie.

3. Bloß keine kognitive Dissonanz!

Kommst du nun mit dem Vorwurf, dass dieser Mensch toxisch sei, und bestehst du trotz aller Gegenargumente von ihrer Seite darauf, dann erzeugst du bei deinen Gesprächspartner:innen außerdem eine kognitive Dissonanz. Das heißt, du erzeugst ein Bild von dem betreffenden Menschen, das mit ihrem Bild von ihm und ihren Erfahrungen mit ihm ganz und gar nicht übereinstimmt. Sie glauben, der Himmel ist blau, und die Sonne scheint, und du sagst: „Nein, es ist wolkig und regnet, 100-prozentig, glaubt mir doch!“

Selbst wenn sie normalerweise dazu neigen, dir zu glauben, unterscheidet sich diese kognitive Dissonanz aber von der, die der toxische Mensch ab und zu erzeugt, wenn er aus lauter Nachlässigkeit kurz mal aus der Rolle fällt. Viele Menschen sind eher geneigt, die kleinen Fehler in der Show des toxischen Menschen zu übersehen oder schönzureden, als dir abzunehmen, dass du im Grunde vor ihren Augen seelische und/oder körperliche Gewalt erfahren hast und sie dem toxischen Menschen auch auf den Leim gegangen sind.

Die Verwirrung durch kognitive Dissonanzen ist schwer auszuhalten. In diesem Zustand möchte niemand verharren müssen. Zumal diese Menschen wahrscheinlich ebenfalls Opfer des Gaslightings Fragezeichen © Toxiversum des toxischen Menschen geworden sind, das bei ihnen eine ähnliche Wirkung zeigt wie bei dir in der Love-Bombing-Phase. Und ähnlich wie du damals sind sie jetzt nicht vom Gegenteil zu überzeugen. Sie wählen die Seite, die in ihren Ohren momentan weniger verrückt klingt – und das ist nicht deine Seite.

4. „Warum gehst du denn nicht einfach?“

Häufig werden die, die sich in einer toxischen Beziehung befinden und darüber endlich sprechen, gefragt: „Warum gehst du denn nicht einfach?“ Meistens gefolgt von: „Also, wenn es wirklich so schlimm wäre, wie du behauptest, dann wäre ich ja schon längst gegangen!“

Das zu hören, ist für Opfer häufig sehr schmerzhaft. Ausgerechnet die, denen sie sich anvertrauen, reagieren so unsensibel und überheblich. Und sie meinen es auch noch genau so, wie sie es sagen. Denn sie gehen davon aus, dass du in einer ganz normalen Beziehung bist, die du ganz einfach beenden kannst, wenn du wirklich willst. Das aber ist bei toxischen Beziehungen nicht der Fall. Aus denen kann man sich nicht mal eben lösen. Die toxischen Methoden, die diese Beziehung zerstören, sind gleichzeitig der Grund, warum du darin gefangen bist. Und viele Opfer glauben noch dazu, sie könnten nicht gehen, denn der toxische Mensch brauche sie. Umso unverständlicher sind für sie die Reaktionen der andereren.

5. Die beliebte Täter-Opfer-Umkehr

In Deutschland wird außerdem nach wie vor und leider recht häufig mindestens ein Teil der Schuld an einer Gewalttat dem Opfer gegeben. Das ist nicht nur völlig absurd, es lässt Täter:innen auch häufig entweder ganz ungeschoren oder mit unverhältnismäßig geringen Strafen davonkommen.

Sagst du also, dass du in einer toxischen Beziehung steckst, in der du seelische und vielleicht auch körperliche Gewalt erfahren hast, dann wirst du deshalb leider häufig hören, dass du selbst schuld oder zumindest zum Teil mit schuld bist.

Es ist ja auch sehr viel einfacher, die Schuld überall hin zu schieben, nur nicht auf die Täter:innen. Denn das hieße, das Bild, das man sich von diesen Personen gemacht hat, ändern zu müssen. Und, s. o., der oder die „ist doch so nett, das kann gar nicht sein“.

6. Diese Personen sind selbst toxisch

Und manchmal kann es tatsächlich sein, dass ausgerechnet die Menschen, denen du dich anvertraust, selbst toxisch sind. Dass sie zum toxischen Fanclub Fragezeichen © Toxiversum gehören und sich dir gegenüber deshalb toxisch verhalten. Oder sie wollen dich tatsächlich ebenfalls klein halten und Macht über dich haben. Manche von ihnen interessieren sich auch schlicht nicht für dein Leid, weil sie lediglich Empathie für sich selbst aufbringen. Deshalb haben sie jede Menge Ausflüchte parat, um das Gespräch schnellstmöglich zu beenden.

Was heißt das für dich?

Dies sind nur einige der Gründe, warum du auf so viel Unverständnis bei anderen triffst. Und es sind nur Gründe – keine Entschuldigungen für ihr Verhalten! Doch was bedeutet ihr Verhalten für dich? Sollst du ihnen glauben und „dich einfach zusammenreißen“ oder „dir halt mal ein bisschen mehr Mühe geben“?

Antworten darauf findest du in dem Artikel „Was kannst du tun, wenn dir niemand glaubt, dass du in einer toxischen Beziehung bist? 7 Tipps!“ (P).

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