Ist die Hundekot-Attacke von Hannover ein Synonym für toxisches Verhalten?

Bei der Hundekot-Attacke in der Staatsoper Hannover im Februar 2023 hat der nun ehemalige Ballettdirektor Marco Goecke die FAZ-Tanzkritikerin Wiebke Hüster offenbar verbal angegriffen und ihr Hundekot ins Gesicht geschmiert. Weil sie seine Arbeit kritisiert hatte. Ist das ein Synonym für toxisches Verhalten?

Um herauszufinden, ob ein Verhalten toxisch ist, muss man sich immer mehr als nur die Schlagzeile anschauen. Denn die alleine macht noch kein toxisches Verhalten. Toxisches Verhalten ist immer systemisch, das heißt, hinter einem extrem toxischen Verhalten steht immer ein System aus weiteren toxischen Verhaltens- und Denkweisen.

1. Was ist passiert?

Medienberichten zufolge stellte sich Goecke im Foyer der Staatsoper Hannover Wiebke Hüster in den Weg. Ihr zufolge duzte er sie, obwohl sie sich nicht kannten. Sie hatte bislang nur wenige Kritiken zu seinen Werken für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) geschrieben. Darunter eine seines Stücks in Den Haag. Goecke soll sie dann gefragt haben, was sie bei seiner Premiere zu suchen habe, und befunden haben, man hätte ihr Hausverbot erteilen sollen. Und machte sie für Kündigungen von Abonnements in Hannover verantwortlich.

Anschließend soll Goecke eine Tüte mit Hundekot genommen und diesen der Kritikerin ins Gesicht geschmiert haben. Und dann einfach verschwunden sein, ohne dass ihn jemand aufhielt. Es rief wohl auch niemand die Polizei oder das Personal der Staatsoper. In diesem Moment kam Hüster scheinbar niemand zu Hilfe.

2. Die Vorgeschichte?

Viele fragten sich, wunder was diese Journalistin wohl in ihrer Kritik geschrieben haben muss, das diesen Mann dem Anschein nach zu einer solch widerwärtigen Form der Gewalt veranlasste. Das ist jedoch die völlig falsche Frage, weil sie dem toxischen Muster der Täter-Opfer-Umkehr folgt. Dazu aber später mehr. Schauen wir uns dennoch einmal an, was Hüster zusammenfassend über Goeckes Den Haager Choreografie in der FAZ geschrieben hat:

Man wird beim Zuschauen abwechselnd irre und von Langeweile umgebracht. Dazwischen kommen ab und an zwei genialische, stimmige Minuten. Das Stück ist wie ein Radio, das den Sender nicht richtig eingestellt kriegt. Es ist eine Blamage und eine Frechheit […]

Das kann man in der heutigen Zeit schon starken Tobak nennen. Denn Kritiken sind in den letzten Jahren mit der Kürzung von Feuilletons (Kulturteilen) in den Medien allgemein eher zu Nacherzählungen verkommen, als dass sie kritisierten und einordneten, wie es eigentlich ihre Aufgabe wäre. Nicht so in der FAZ, wie es scheint. Die Kritik ist hart, sie ist polemisch, aber Hüster hat ihren Job gemacht: Als Tanzexpertin hat sie das Stück für jene eingeordnet, die es (noch) nicht gesehen haben. Es ist eine Einordnung, der sich niemand anschließen muss.

Wie Jürgen Kaube, einer der FAZ-Herausgeber, online kommentiert, hat Hüster seit 2006 insgesamt neun Werke von Goecke besprochen. Sieben (weniger als ein Zehntel seiner gesamten Choreografien in diesem Zeitraum) habe sie kritisiert, zwei „enthusiastisch gelobt“, so Kaube. Goecke dagegen behauptete im NDR Niedersachsen, „über Jahre […] durch so jemanden, durch so eine Journalistin beschmutzt“ worden zu sein, und betitelte ihre Arbeit als „Vernichtungskritik“. In 3Sat befand er gar: „Das ist Mobbing“ und, Achtung, ein „Vernichtungsfeldzug“.

Die Frage ist nun: Kann und darf ein solcher Verriss einer Choreografie (oder sieben Verrisse in 17 Jahren bei 63 unbesprochenen Werken) allen Ernstes Gewalt gegen diese Frau rechtfertigen? Erschreckend viele finden ja und feiern Goecke auch noch für diese Tat.

Doch die Antwort muss selbstverständlich nein lauten. Abgesehen davon, dass sich diese Frage gar nicht stellen darf, gibt es nicht die geringste Rechtfertigung für gewalttätiges Verhalten. Sicher, eine feine Seele hätte extrem hart zu knabbern an einer solch bitteren Kritik. Aber keine feine Seele käme je auf die Idee, einem anderen Menschen deshalb Gewalt anzutun.

Die Politikwissenschaftlerin Dr. Regula Stämpfli schrieb dementsprechend zu Recht auf Twitter: „Einen anderen Menschen mit Tierkot beschmieren ist ein massiver Angriff auf die psychische und physische Integrität.“ Oder anders gesagt: Ein solcher Angriff ist Gewalt. In diesem Fall – und das ist nicht ganz unwesentlich – Gewalt durch einen Mann gegen eine Frau.

3. Was folgte dann?

Nach der Hundekot-Attacke kam vor allem Marco Goecke selbst zu Wort. Der NDR Niedersachsen brachte es gegen jedes journalistische Ethos fertig, den Täter in einem etwas über 18 Minuten langen Video-Monolog unhinterfragt und unwidersprochen zu Wort kommen zu lassen. Dieselbe Möglichkeit erhielt Wiebke Hüster, das Opfer der Tat, von diesem Sender nicht. Lediglich in einem neunminütigen moderierten Audio-Beitrag von NDR Kultur kam sie zu Wort. Auch in anderen Sendern waren ihre Sprechzeiten denkbar kurz, und die meisten Medienberichte zitierten weitaus mehr Aussagen des Täters als des Opfers.

Hüster erstattete Anzeige gegen Goecke und sagte in NDR Kultur, die FAZ habe ebenfalls Anzeige erstattet. Die Staatsoper Hannover suspendierte Goecke, erteilte ihm Hausverbot, forderte eine Entschuldigung und behielt sich weitere Schritte vor. Goecke ließ dann ein Statement veröffentlichen, das als „Entschuldigung“ getarnt in erster Linie weitere Attacken gegen Hüster enthielt. Woraufhin der Deutschlandfunk (DLF) korrekt kommentierte: „Goecke zeigt sich überhaupt nicht einsichtig.

Dr. Frank Rieger, Vorsitzender des Journalist:innenverbandes DJV sagte im DLF: „Mit Gewalt zu reagieren ist ein Tabubruch.“ Und dass man Goecke nicht sofort fristlos entlassen hat, stieß bei vielen auf Unverständnis, z. B. bei Ludger Vielemeier, Chefredakteur NDR 1 Niedersachsen.

Dr. Carsten Brosda, der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, sagte im DLF, diese Tat sei:

eine derartige Grenzverletzung […], wie ich sie nicht für möglich gehalten habe […] ein absolutes Unding […] wer das nicht aushält [die Zeitungskritiken, Anm. d. Red.], der hat ehrlicherweise mit Kunst im öffentlichen Raum auch nichts zu suchen.

Regisseur Leander Haußmann meinte bei NDR Kultur:

[Es war] „eine zutiefste Erniedrigung […] Wenn man da nicht um Vergebung bittet, dann hat man in unseren Reihen einfach nichts mehr zu suchen, dann ist man kein Künstler. Bei uns geht’s ja ums Menschsein, wir sind ’ne moralische Anstalt, wir machen sowas einfach nicht, auch nicht im Namen der Kunst. Da wird er keinen Rückhalt haben“.

In Stuttgart, München, Den Haag und Hannvoer sieht man das offenbar anders: Denn um seine Engagements am Stuttgarter Ballett, am Bayerischen Staatsballett und beim Nederlands Dans Theater muss Goecke sich wohl keine Sorgen machen. Auch die Staatsoper Hannover will seine Stücke weiterhin zeigen und schließt, laut ZEIT, eine erneute Zusammenarbeit nicht aus.

Er wurde aber schließlich von der Staatsoper Hannover von seinem Vertrag entbunden. Und Wiebke Hüster sagte unterdessen in der Kulturzeit auf 3Sat, ihr ginge es erstaunlich gut nach dieser Attacke. Ist am Ende also alles gar nicht so schlimm?

4. Ist diese Hundekot-Attacke toxisches Verhalten?

Die kurze Antwort ist: Doch. Es ist schlimm. Sogar sehr schlimm. Denn alles an der Hundekot-Attacke ist eindeutig toxisches Verhalten. Und gleichzeitig ist die ganze Affäre ein Synonym für toxisches Verhalten. Marco Goecke hat durch sein Handeln in diesen Tagen ein narzisstisches Verhalten an den Tag gelegt, das wie aus dem Lehrbuch ist. Doch nicht nur er – auch Medien und Gesellschaft müssen sich diesen Vorwurf gefallen lassen.

Im Folgenden gehe ich auf einige der wichtigsten toxischen Verhaltensweisen in diesem Fall ein. Denn wenn wir uns nicht die Details anschauen, kann es passieren, dass alles unter den Teppich gekehrt wird. Schwamm drüber, weil „the show must ja go on“. So, wie es fast immer passiert. Insbesondere dann, wenn der Täter ein Mann ist. Und das tut uns allen nicht gut, denn diese Art des Verhaltens greift aktuell immer weiter um sich.

1. Was an Goeckes Verhalten ist toxisch?

a. Gewalt durch einen Mann gegen eine Frau

Gewalt durch einen Mann gegen eine Frau ist immer toxisch. Wiebke Hüster sagte in NDR Kultur: „Ich bin am nächsten Morgen aufgewacht und hab‘ gedacht: Das war schrecklich, das war wirklich grauenhaft in dem Moment. Aber ich hab‘ mir dann gesagt: Du bist davongekommen. Er hat nur das gemacht.

Hüster ist sich trotz dieser Relativierung darüber im Klaren, dass es sich bei dem Angriff um eine Straftat handelte, und hat deshalb Strafanzeige gestellt. Viele andere Opfer fühlen sich jedoch häufig genötigt, die erlittene Gewalt kleinzureden, um nicht weitere Gewalt zu erfahren, sowohl durch den Täter als auch durch das Umfeld.

Was oft dabei von anderen übersehen wird, ist das, was Hüster mit „Er hat nur das gemacht“ ausdrückt: Es hätte erheblich schlimmer kommen können. Frauen müssen es in unserer Gesellschaft bislang still ertragen, dass die Gewalt jederzeit noch stärker werden kann. Die zahllosen, täglichen frauenfeindlichen Übergriffe von Männern gegen Frauen sind ein deutlicher Beleg dafür. Und eine Warnung an die Opfer: Halt still und sei still, sonst geht’s dir auch so. Und es wird suggeriert, dass Frauen dafür auch noch dankbar sein müssen.

b. Die Abwertung des Opfers (und die Frauenfeindlichkeit dahinter)

Zunächst duzte Goecke die ihm bis dahin persönlich nicht bekannte Kritikerin, was man schon einmal als Mangel an Respekt interpretieren kann. Goecke setzte die gestandene Journalistin Hüster aber dann u. a. im NDR herablassend mit „Bloggern“ gleich, „oft Frauen, die gerne getanzt hätten oder gerne ’ne Primaballerina gewesen wären oder ’ne große Choreografin, wo sich das einfach dann in sowas dann äußert“ (mit „sowas“ meint er offensichtlich die Kritiken, die die Tanzexpertin einer der renommiertesten Zeitungen Deutschlands schreibt).

Doch bei der doppelten Abwertung der Journalistin zur angeblich neidischen „Bloggerin“ belässt Goecke es nicht. Er setzt dort nach: „Die Frau hat ja auch einen Job da aus ganz bestimmten Gründen, das weiß sie auch selber.“ Damit spielt Goecke offenbar darauf an, dass Hüster mit FAZ-Herausgeber Kaube verheiratet ist. Wer jedoch suggeriert, eine Frau könne nicht Expertin für Tanz und Kritikerin einer bedeutenden überregionalen Zeitung sein, wenn sie sich da nicht hochgeschlafen habe, wertet diese Frau nicht nur ab. Er zeigt auch eine abgrundtiefe Frauenfeindlichkeit.

c. Die eigene Großartigkeit

Toxische Menschen werten ihre Opfer nicht nur ab, sie werten sich selbst auch auf. Goecke hat einige wichtige Preise für seine Arbeit erhalten, darunter 2022 den Deutschen Tanzpreis. Dies erwähnte er nicht (dafür sorgten schon die Medien), doch er erwähnte mehrfach, wie viele wichtige, „bedeutende“ Menschen er doch kenne – was ihn in seinen Augen scheinbar zu einem ebenfalls wichtigen, bedeutenden Menschen macht.

Toxische Menschen sind nicht per se derart von ihrer Großartigkeit überzeugt. Es gibt auch die, die an sich zweifeln und eher im Verborgenen vor sich hin toxen. Hier zeigt sich aber ein Mensch, dem nicht nur seine Auszeichnungen zu Kopf gestiegen zu sein scheinen, sondern der vor lauter gefühlter Großartigkeit die Bodenhaftung verloren zu haben scheint.

d. Die Täter-Opfer-Umkehr

Wer einer Kritikerin Hundekot ins Gesicht schmiert, ist ganz klar Täter. Doch Goecke will offenbar keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen und schiebt stattdessen die Schuld für die Attacke Hüster zu. Hätte sie nicht so über seine Arbeit geschrieben, suggeriert er, wäre das nicht passiert.

Dabei handelt es sich um das, was man „Täter-Opfer-UmkehrFragezeichen © Toxiversum nennt, und was sehr typisch für toxische Menschen ist. Sie stilisieren sich selbst als das angeblich „eigentliche Opfer“ und sehen die Schuld für ihr eigenes Handeln bei dem tatsächlichen Opfer. Sie übernehmen wenig bis gar keine Verantwortung für ihr Tun.

e. Die sprachliche Aufrüstung zur Rufschädigung

Für toxische Taten gibt es keine Rechtfertigung, niemals. Toxische Menschen jedoch versuchen sich immer wieder zu rechtfertigen. Und je größer ihre Grenzüberschreitung war, desto stärker rüsten sie oft sprachlich auf.

So sagte Goecke zunächst im NDR Niedersachsen, er sei „über Jahre […] durch so jemanden, durch so eine Journalistin beschmutzt“ worden. Hier nannte er ihre Arbeit noch „Vernichtungskritik“. In der Kulturzeit auf 3Sat befand er dann, Hüsters Arbeit sei „Mobbing“ und ein „Vernichtungsfeldzug“.

Bitte, was? Wiebke Hüster als weibliche Antwort der Tanzkritik auf Adolf Hitler? Es klingt absurd, doch genau solche Aussagen haben Methode bei toxischen Menschen. Sie weisen jede Verantwortung von sich und versuchen, ihre Opfer und deren Ruf mit aller Macht zu zerstören. Es ist ihnen völlig egal, ob sie dabei zu völlig unangebrachten Vergleichen greifen. Ihnen ist jedes zerstörerische Mittel recht, solange es von ihnen und ihrer Tat ablenkt und ihr Opfer möglichst schlecht dastehen lässt. Denn irgendetwas von diesen Vorwürfen wird immer am Opfer hängenbleiben, und sei es nur ein Fragezeichen, das immer im Hinterkopf bleibt, ob das Opfer nicht doch …

f. Bestrafung und Rache

Bestrafung und Rache sind zwei wichtige Mittel toxischer Menschen, um sich unliebsame Menschen (z. B. Menschen, die nicht gehorchen oder nicht so funktionieren wie erwartet) vom Hals oder gefügig zu halten. Goecke bezieht sich immer wieder darauf, was Wiebke Hüster ihm angeblich angetan habe und versucht, uns damit weiszumachen, dass er ein Recht darauf habe, sie dafür zu bestrafen oder sich dafür an ihr zu rächen. Dass er ein Recht darauf habe, sie zum Schweigen zu bringen (auch das nebenbei ein sehr typisch frauenfeindlicher Glaube vieler Männer).

g. Die Entschuldigung, die keine war

In dem oben verlinkten Beitrag in NDR Niedersachsen fragt Goecke jemand aus dem Hintergrund, ob er sich bei Hüster entschuldigen würde, wenn er dazu aufgefordert würde. Normalerweise würde man nun erwarten, dass er ja sagt oder nein oder vielleicht. Was macht Goecke stattdessen? Er ergeht sich weiter darin, wie großartig er selbst sei, welche bedeutenden Kontakte er (auch unter Journalist:innen) habe, und dass angeblich 99 % der „Kritiker“ und „Tanzschaffenden“ ihm zustimmen würden. Er habe, so Goecke weiter, Hüster nicht nur für sich nach angeblich „20 Jahren“ Wut auf sie mit Hundekot attackiert. Er habe es „für viele Kollegen gemacht, denen sie wirklich die Hölle bereitet hat mit ihren unsäglichen Artikeln“.

Nicht nur beantwortet er die Frage nicht, er legt noch einmal nach gegen Hüster. Er stellt sie so dar, als wäre sie völlig isoliert, als würde fast die gesamte (99 %) journalistische und Tanzwelt auf seiner Seite stehen. Und als habe er sich wie ein Märtyrer für die arme, geschundene journalistische und Tanzwelt aufgeopfert, indem er dieser Frau nun Hundekot ins Gesicht geschmiert hat.

Und dann ließ Goecke über sein Management eine vermeintliche „Entschuldigung“ verbreiten (die inzwischen offline ist). Der Text beginnt zunächst fast glaubwürdig und reumütig:

„Ich möchte mich bei allen Beteiligten, an erster Stelle bei Frau Hüster, für meine absolut nicht gutzuheißende Aktion aufrichtig entschuldigen. Im Nachhinein wird mir klar bewusst, dass dies eine schändliche Handlung im Affekt und eine Überreaktion war.“

Nur fast glaubwürdig ist er, weil Goecke hier schon den juristischen Begriff „im Affekt“ scheinbar nebenbei als Ausrede einstreut, wie um schon hier eine Strafmilderung heraufzubeschwören. Ganz dazu passend folgt dann:

„Dennoch möchte ich festhalten […] Gerade weil […] Zugleich möchte ich aber auf Folgendes hinweisen […] Ich bitte um Verzeihung […] Ich bitte aber auch um ein gewisses Verständnis …“

Das alles ist ganz klar keine Entschuldigung (siehe dazu auch „Toxische Warnsignale: Entschuldigungen, die keine sind“). Deshalb schrieb Jürgen Kaube in der FAZ ganz richtig:

Wir erlauben uns darum, seine Aufrichtigkeit für gespielt, und zwar nicht einmal gut gespielt, zu halten.

2. Inwiefern haben andere Menschen und Medien toxisch gehandelt?

Toxisches Handeln geschieht nie in einem luftleeren Raum. Toxische Menschen benötigen dazu immer andere, die sie zu ihrem Handeln befähigen, indem sie entweder wegsehen und nicht eingreifen oder sich bewusst oder innerhalb erlernter toxischer Strukturen unterstützend und damit ebenfalls toxisch verhalten. Beides geht immer Hand in Hand. Inwiefern traf das hier zu?

a. Niemand griff ein

Wie ich weiter oben schon schrieb, griff offenbar niemand ein, als Goecke Wiebke Hüster attackierte. Er konnte anschließend auch weggehen, ohne dass ihn jemand aufgehalten hätte. Ohne dass ihn jemand festgehalten hätte, bis die Polizei kam. Die aber niemand gerufen hatte.

Ob die Umstehenden peinlich berührt waren, ob sie das Ganze nicht als schlimm erachtet oder falsch gedeutet haben – Fakt ist: Sie haben allem Anschein nach nicht reagiert. Das Wegschauen anderer, selbst wenn die Gewalt offensichtlich ist, geschieht meist auf Kosten des Opfers, das dem Übergriff hilflos ausgeliefert ist. Und der Täter spaziert davon.

Ein in seiner Ehre verletzter Mann, der eine Frau attackiert, der niemand hilft – wie häufig müssen wir uns diesen Verlauf der Geschichte eigentlich noch anhören?

b. Auch hier die Täter-Opfer-Umkehr

Nicht nur in den Sozialen Medien, auch im NDR las und hörte man die Überlegung, ob Wiebke Hüster vielleicht selbst schuld oder wenigstens mitschuld an der Attacke gegen sie war. NDR-Moderator Jan Wiedemann fragte sie, ob sie denn auch selbstkritisch denke, sie habe einen Fehler gemacht. Und viele debattieren nun sogar über die Grenzen der Kulturkritik, bevor die Taten von Männern wie Goecke überhaupt abschließend besprochen wurden. Auch das ist klassische Täter-Opfer-Umkehr. Wiedemann, beispielsweise, suggeriert damit, dass das Gewaltopfer den Täter durch irgendetwas herausgefordert haben müsse. Aktion-Reaktion, wer Hass sät, wird Gewalt ernten, wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es hinaus – wir haben ja eine Menge Redewendungen, die das per se beweisen, oder?

Doch das trifft bei toxischem Verhalten nie zu. Es ist völlig egal, wie sich jemand verhält oder was für eine Kritik jemand über ein Tanzstück schreibt. Menschen mit toxischen Verhaltensweisen tun, was sie wollen. Wiebke Hüster hätte auch etwas völlig anderes schreiben können, es hätte auch nur ein einziges Wort sein können, das ein toxischer Mensch als Angriff auf seine Ehre interpretiert und entsprechend darauf reagiert hätte.

Anstatt dem Opfer (Mit-) Schuld zu signalisieren, sollten wir endlich darüber reden, was wir alle tun können, um solches Handeln endlich ausreichend zu ächten. Damit toxische Menschen endlich lernen, sich in dieser Gesellschaft mit Anstand zu verhalten und anderen nicht mehr zu schaden.

c. Die überwältigende Medienpräsenz des Täters

Wieder und wieder sehen wir es in vielen Medien, dass Gewalttäter eine überwältigende Medienpräsenz erhalten. Das beste Beispiel in diesem Fall war der Beitrag von NDR Niedersachsen, der Marco Goecke über 18 Minuten lang unwidersprochen und unhinterfragt einen Monolog halten ließ und diesen veröffentlichte. Doch auch in anderen Medien war seine Präsenz erheblich größer als die des Opfers. Hier im Toxiversum ist sie naturgemäß groß, weil es hier um die Aufklärung über toxisches Verhalten geht. In anderen Medien, allen voran in öffentlich-rechtlichen, sollte es eigentlich um eine ausgewogene Berichterstattung gehen, von deren Grundsätzen sich jedoch viele Medien längst entfernt haben, insbesondere wenn es um toxische Gewalt geht. Und erst recht, wenn es um Männergewalt gegen Frauen geht.

d. Die sprachliche Verharmlosung von (Männer-) Gewalt in Medien und Sozialen Medien

Viele Medien benutzten im Laufe ihrer Berichterstattung über diese Straftat Worte wie „Entgleisung“ oder „Ausrutscher“. Und in den Sozialen Medien schrieben viele, Wiebke Hüster sei „doch nichts weiter passiert“. Zahlreiche Zeitungen übernahmen auch die Schlagzeile „Suspendierung eines Superstars mit Spleens“ des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) in Hannover.

Mit solchen Worten wird toxische Gewalt verharmlost und relativiert. Erst recht, wenn es Gewalt durch einen Mann ist. Und noch mehr, wenn es Gewalt durch einen Mann gegen eine Frau ist.

Theaterkritiker Rüdiger Schaper ging sogar noch einen Schritt weiter. Im Tagesspiegel schrieb er:

„Ein wütender Schauspieler schüttete mir einmal ein Glas Wein über den Kopf. Weißwein, immerhin. Ich würde sagen, Berufsrisiko. Zwanzig Jahre später hat er sich entschuldigt und wir führten in der Theaterkantine ein langes, freundliches Gespräch.“

Möglich, dass er dies als Versuch der Beschwichtigung gemeint hat, als Mutmacher an die Adresse Wiebke Hüsters. Doch kommt dies von einem Mann, der dadurch suggeriert, die Gewalt eines anderen Mannes gegen eine Frau sei weitgehend harmlos, weil sie so ähnlich sei wie das, was er als Mann einmal erlebt habe. Auch solche Relativierungen sind häufig toxisch.

e. Die Folgen für den Täter sind überschaubar

Inzwischen wurde Marco Goecke von der Staatsoper Hannover nicht fristlos entlassen, wie viele forderten. Sein Vertrag wurde lediglich „im gegenseitigen Einverständnis aufgelöst“. Das Ergebnis mag dasselbe sein, doch die Sprache dahinter verharmlost, was geschehen ist. Und ob Goecke nicht noch mit einer Abfindung belohnt wird, wollte Laura Berman, Intendantin der Staatsoper, laut NDR nicht sagen. Aber, schreibt die ZEIT, „Auf Nachfrage […] räumte Berman ein, es sei nicht ausgeschlossen, künftig weiter mit Goecke zu arbeiten.

Nicht zu vergessen: Goecke behält nach derzeitigem Stand seine Jobs in Stuttgart, München und Den Haag. Und seine Stücke werden auch in Hannover weiterhin gezeigt werden. Die Folgen für ihn sind nach aktuellem Stand also äußerst überschaubar. Es ist – das zeigt die Geschichte – sehr fraglich, ob bei seinem nächsten Engagement oder seiner nächsten Premiere überhaupt noch ein Hahn nach seiner Gewalttat krähen wird.

5. Taugt die Hundekot-Attacke als Synonym für toxisches Verhalten?

Taugt also die Hundekot-Attacke als Synonym für toxisches Verhalten? Ja und nein. Sie ist ein sehr sichtbares Symbol toxischer Gewalt, die aber normalerweise im Verborgenen stattfindet. Der Großteil toxischer Gewalt geschieht nämlich dort, wo es niemand mitbekommt, hinter verschlossenen Türen. Dass es mal vor großem Publikum stattfindet wie bei dieser Attacke, ist äußerst selten. Insofern ist sie höchstens die Spitze des Eisbergs.

Doch die Details dieser ganzen Affäre, wie oben dargelegt, sind sehr typisch für toxisches Verhalten. Das ganze Gaslighting Fragezeichen © Toxiversum, die Täter-Opfer-Umkehr, die Abwertung des Opfers, die Rufschädigungsversuche, die Bestrafung und Rache, die Entschuldigung, die keine war, und das Verhalten der Menschen im Umfeld und in der Öffentlichkeit – all das ist leider sehr typisch bei toxischer Gewalt.

Das Verhalten dieses Choreografen steht darüber hinaus sinnbildlich für die zunehmende Enthemmtheit, mit der sich vor allem (aber nicht nur) Männer entgegen der Regeln unserer Gesellschaft nehmen, was ihnen nicht zusteht. Insbesondere dort, wo Frauen ihnen vermeintlich im Weg stehen.

Wird es so weitergehen, wie es bislang bei toxischem Verhalten meistens weiterging, wird es nicht lange dauern, bis irgendeine angesehene Bühne Goecke als Ballettdirektor zu sich holt. In der Hoffnung, sich mit einem verharmlosend „Enfant terrible“ Genannten mehr Publikum und ein paar abonnementsfördernde Schlagzeilen ins Haus zu holen. Und sie wird es damit rechtfertigen, dass er doch so gute Arbeit leiste und Preise gewonnen habe usw. Toxische Menschen müssen äußerst selten befürchten, dass ihre Karriere beendet ist – was sie nicht daran hindern wird, dies öffentlichkeitswirksam zu behaupten.

6. Sollten wir Verständnis für die Hundekot-Attacke und toxisches Verhalten haben?

Nein. Gewalt verdient kein Verständnis. Wir sollten endlich aufhören, toxisches Verhalten schönzureden. Wir sollten nicht darüber debattieren, was Kulturkritik darf und was nicht, sondern darüber, wo wir toxischem Verhalten den Boden entziehen müssen. Wir sollten aufhören, toxische Menschen zu schützen und ihnen wieder und wieder die Gelegenheit zu geben, weiterzumachen, als sei nichts gewesen. Und wir sollten endlich die Opfer zu Wort kommen lassen, anstatt die Täter jedesmal wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen.

Deshalb soll hier das Opfer das letzte Wort haben. Wiebke Hüster sagte in 3Sat völlig zu recht zu den Aussagen des Täters:

„Das ist eine Legende, die er jetzt strickt, um eine Straftat zu entschuldigen. Und das können wir doch nicht durchgehen lassen.“

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