Wie der Staat Opfer toxischer Menschen alleine lässt – Kerstins Geschichte

Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Doch ihr Ehemann ist gewalttätig, ihr und den Kindern gegenüber. Obwohl seine Gewalt gravierende Auswirkungen auf die Kinder hat, bewilligen die Behörden ihm nach der Trennung Umgangsrecht für die Kinder, gegen deren erklärten Willen. Ein Umgangsrecht, das er schamlos ausnutzt, und gegen das sie nichts tun kann. Dies ist Kerstins Geschichte.*

Kerstin ist vierzig, hat eine Ausbildung und ein Studium hinter sich. Ihre Kindheit war nicht immer leicht, und sie zog früh zu Hause aus. Als sie mit 19 Jahren Zóltan kennenlernte, lebte sie schon längst nicht mehr bei den Eltern. Sie liebte diesen Mann, doch der hatte große Probleme, was ihre Beziehung stark belastete. Kerstin glaubte, ihn aus seinem Sumpf retten zu können, auch dann noch, als er bereits im Gefängnis saß. „Er war kein schlechter Mensch“, sagt sie, „er hätte mir sein letztes Hemd gegeben.“ Doch seine Schulden nahmen zu, und er bekam nichts mehr auf die Reihe, was für Kerstin sehr belastend war. Bevor sie sich aber von Zóltan trennen konnte, verschwand er. Sie sah ihn nie wieder.

Gregor bot ihr die Sicherheit, die sie jetzt brauchte

Als sie einige Zeit später Gregor kennenlernte, erschien er ihr wie ein stabiler Anker. „Ich kann dir Sicherheit bieten“, versprach er ihr, und das war genau das, was sie brauchte. Er hatte einen festen Job, verdiente gut, hatte einen festen Wohnsitz und machte einen bodenständigen Eindruck. „Das hat mich angezogen“, sagt Kerstin. „Endlich jemand, der sein Leben und seine Finanzen im Griff hat, fleißig und anständig ist.“ Zum ersten Mal konnte sie sich wirklich an einen Menschen anlehnen, wenn sie es brauchte.

Verliebt war sie in Gregor allerdings nicht, sagt sie. „Ich war durch die Beziehung zu Zóltan so desillusioniert, dass ich nicht mehr an Liebe geglaubt habe. Gregor kämpfte aber um mich und setzte Himmel und Hölle für mich in Bewegung.“ Sie glaubte ihm, was er ihr erzählte, über seine Gefühle, seine Pläne für sie beide.

„Ich hatte den Traum von einem stinknormalen, spießigen Leben in einem Haus mit Kindern, Katze und Garten“, sagt sie. Die Katze hatte sie schon. Und Gregor lebte in einer Wohnung mit Garten. Es schien alles ziemlich gut zu passen. Nur die Katze wollte er nicht haben. Schweren Herzens gab sie sie weg und zog zu ihm. Als das Thema Hochzeit aufkam, erstellte sie noch eine Pro- und Kontra-Liste. Dieser Liste nach erschien eine Hochzeit mit ihm wie eine gute, praktische Sache.

Seine Ex-Frauen waren offenbar ziemlich verrückt

Für Gregor war es bereits die vierte Ehe. Er konnte das gut begründen, seine Ex-Frauen waren offenbar alle ziemlich verrückt. Dass er erstaunlich viele Details über deren Leben nach der Scheidung wusste, fiel Kerstin zwar auf, doch sie interpretierte das nicht als Warnsignal und hakte deshalb nicht nach. Sie war mit den Hochzeitsplanungen, der Jobsuche und anderen Dingen viel zu beschäftigt. Heute weiß sie, dass ihre Alarmglocken da schon längst hätten schrillen sollen.

Gregor verdiente wesentlich mehr Geld als Kerstin. Dennoch bezahlte sie die Eheringe, die Hochzeitsfeier und die Flitterwochen. Er war sehr geizig, sagt sie, wenn es um ihre Bedürfnisse ging. Sich selbst gönnte er andererseits viele protzige Dinge, um irgendwelchen Leuten auf Social Media zu imponieren. Ständig machte er Fotos, auch von ihr, auch Nacktfotos und Videos beim Sex. „Mir war das sehr unangenehm“, sagt sie. Doch sie machte ihm zuliebe mit. Er war schließlich ihr Ehemann, sie vertraute ihm. Und sie erhoffte sich, wenn sie ihm diesbezüglich entgegenkäme, dass er ihr weiterhin die Sicherheit gäbe, die sie brauchte.

Kerstin war immer an allem schuld

Nur, dass Gregor gar nicht daran dachte, ihr die nach der Hochzeit noch zu geben – ganz im Gegenteil. Er verunsicherte Kerstin immer stärker. Sie musste sich schon bald anhören, dass es eine Ehre für sie sei, mit ihm zusammensein zu dürfen. „Und ich war immer an allem schuld und dachte, ich muss mich einfach mehr anpassen, mich noch mehr zurückstellen und besser werden“, sagt sie.

Solche Gedanken sind sehr typisch für Opfer toxischer Menschen. Sie kommen aus der Perfektionsspirale nicht mehr heraus. „Aber ich konnte ihn nie zufriedenstellen. Es kam oft zum Streit, und entweder hat er mich angebrüllt oder so lange nicht mit mir gesprochen – manchmal tagelang – bis ich mich genau so entschuldigt habe, wie er es wollte.“ Manchmal musste Kerstin sogar demütig vor Gregor auf dem Boden knien, damit er sehen könne, dass sie ihre Entschuldigung ernst meine. Ganz egal, ob es wirklich etwas gab, wofür sie sich hätte entschuldigen müssen oder nicht (was meistens der Fall war).

Kerstin macht im Gespräch einen äußerst klaren und reflektierten Eindruck, doch ihr Mann sah das anders. „Er hat mich immer so hingestellt, als sei ich blöd. Er sagte Dinge wie: ‚Wer so denkt wie du, kann ja nur blöd im Kopf sein!‘ Dabei habe ich meine Erklärungen immer gut durchdacht und logisch vorgebracht.“ Doch am Ende weigerte er sich immer wieder, weiter mit ihr zu sprechen, und schaltete einfach den Fernseher an oder beschäftigte sich mit seinem Handy. „Nicht einmal alltägliche Fragen beantwortete er mir dann, wie: ‚Um wie viel Uhr sollen wir essen?‘“

Die Kinder interessierten den Vater nicht

Diese Art des Schweigens ist eine der beliebtesten Strafen toxischer Menschen. Sie kann Erwachsene schon extrem verunsichern – wird sie gegen Kinder angewendet, ist das schiere Folter. Beide verlieren die Sicherheit, die sie brauchen – und die war ja genau das, was Kerstin überhaupt erst zu Gregor hingezogen hatte. Die Ehe mit ihm war auch deshalb längst nicht mehr das, was sich vorgestellt und erhofft hatte.

Obwohl sie noch nicht bereit dazu war, gab sie Gregors Druck nach, Kinder zu bekommen. Schnell war sie schwanger, doch Gregor kam genau ein einziges Mal mit zum Screening. Danach war das Thema Schwangerschaft für ihn erledigt. Zumindest, was Kerstin anging. In seinem Umfeld erzählte er dagegen stolz herum, dass er Vater werde.

Kerstin befand sich mitten im Studium, als das Kind auf der Welt war. War sie an der Uni, hätte Gregor auf das Kind aufpassen sollen. Doch er hatte wenig Lust dazu, mit seinem Kind alleine zu sein. Er holte sich immer Freunde, die ihn mit dem Kind zusammen fotografierten und filmten.

Als Kerstin ihr zweites Kind bekam, ging sie in Elternzeit, um sich um beide Kinder zu kümmern. Gregor, mittlerweile mit einer großen Abfindung aus dem Beruf ausgestiegen und arbeitslos, brüllte sie an: „Wenn du faule Sau nicht zur Arbeit gehst, brauchst du hier nicht mehr aufzutauchen! Dann nehme ich dir den Schlüssel ab, und du kannst woanders wohnen!“ Irgendwann fuhr sie psychisch und körperlich völlig erschöpft zur Mutter-Kind-Kur, doch er kam sie und die Kinder kein einziges Mal besuchen. Dabei lag die Kurklinik nur wenige Autominuten entfernt.

Die Kinder waren auffällig häufig krank

Nach der Kur fiel ihr auf, wie Gregor immer rücksichtsloser mit den beiden Kleinkindern umging. Waren sie anderer Meinung als er, schwieg er sie zur Strafe genauso an wie schon ihre Mutter. Sagten sie ihm, was sie mitbekamen, sahen und spürten, behauptete er, das sei in Wirklichkeit alles ganz anders. Und die Kinder waren auffällig häufig krank. Eines Tages hatte Kerstin selbst einen medizinischen Notfall und musste sofort ins Krankenhaus. Sie rief Gregor an, damit er nach Hause kommen und sich um seine Kinder kümmern konnte. Er sagte ungerührt: „Ruf deine Freundin an und warte, bis sie kommt. Sie kann die Kinder nehmen.“

Kerstins Kraft reichte nicht mehr weit, und bald machte sie erneut eine Mutter-Kind-Kur, diesmal weiter entfernt vom Wohnort, im Harz. Die Kinder bettelten den Vater an, wenigstens für eine Woche zu ihnen zu kommen, doch er lehnte ab: „Nein, da gefällt es mir nicht. Wären es die Alpen, würde ich kommen.“ Waren sie im Urlaub tatsächlich in den Alpen, saß er nur im Liegestuhl herum und brüllte Kerstin an, sich gefälligst um die Kinder zu kümmern. Er selbst stand nie auf, um etwas mit seinen Kindern zu machen, das überließ er Kerstin.

Auch zu Hause machte er mittlerweile nur noch, wozu er Lust hatte. Ehe, Kinder, Haushalt gehörten nicht dazu. Ein einziges Mal übernahm er das Homeschooling währen Corona, dann schmiss er (der nach wie vor arbeitslos war) schon wieder hin und ließ Kerstin diese zusätzliche Arbeit neben ihrem Brotjob machen.

Sie gab die Hoffnung nicht auf, Gregor doch noch zufriedenstellen zu können

Dieses Martyrium der Demütigungen, Überarbeitung und ständigen Unsicherheit hielt sie jahrelang aus, immer in der Hoffnung, dass sie es doch noch schaffen könnte, alles besser zu machen und Gregor endlich mal zufriedenzustellen. Doch ihre letzte Mutter-Kind-Kur hatte sie darin bestärkt, sehr viel genauer hinzuschauen, wie stark ihre Kinder und sie selbst unter Gregor litten. Während der Corona-Pandemie wurde es ihr besonders deutlich. Rein zufällig stolperte Kerstin dann über einen Artikel über Narzissmus. „Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen“, sagt sie. „Genau das war es!“ Sie besorgte sich ein Buch darüber und versuchte, dessen Tipps für den Umgang mit toxischen Menschen in ihrer Ehe umzusetzen. Das gefiel Gregor jedoch kein bisschen. Er eskalierte.

„Er hat mich immer mehr beschimpft und beleidigt. Entweder hat er herumgeschrien oder mir ganz cool verbal ein Messer in den Rücken gehauen. Ich habe darauf nie reagiert, aber mein älteres Kind hat gespürt, dass da etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, und mich ganz fest umarmt.“

Gregor machte da aber noch nicht Halt. Er stellte für Kerstin und die Kinder völlig unsinnige Regeln auf. Die Heizung durfte z. B. nur die Temperatur haben, die er wählte (meistens viel zu kühl), sie mussten extrem an allem, auch am Wasser, sparen, und er überprüfte dies ständig. Er brach auch weiterhin alle naselang Streit vom Zaun. An einen erinnert Kerstin sich besonders gut. Was sie eigentlich glauben würde, wer sie sei?, habe er gebrüllt und hämisch hinzugefügt: Den Sex würde er sich selbstverständlich schon lange woanders holen. So wie sie aussähe, sei es ja kein Wunder, dass es bei ihm nicht mehr funktionierte. Bei anderen (im Bordell, wie sie später herausfand) habe er keinerlei Probleme. Wenn sie ihn in ihrem Bett wolle, solle sie halt mal eine Schönheits-OP machen. Immer weiter schrie Gregor sie an. Überhaupt sei sie eine faule Sau. Und wenn sie nicht parieren würde, würde er sie so lange schlagen, bis sie es endlich täte.

Kerstin wusste, sie muss die Kinder vor Gregor schützen

Auf diesen Moment hatte Kerstin gewartet. Mit den Kindern hatte sie schon vorher gesprochen, ob sie mit ihr mitkommen würden, wenn sie gehen würde. Die Kinder waren sofort dafür. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, was sie Gregor auch sagte. Doch der setzte sie massiv unter Druck: Sie könne gehen, aber die Kinder bekäme sie nicht. Von anderen erfuhr sie, dass er ihnen gegenüber gesagt habe: Wenn die sich trennt, werde ich dafür sorgen, dass sie in die Klapse kommt. Und ich werde ihr die Kinder wegnehmen. Seine Freunde bestärkten ihn sogar: Kerstin sei ja völlig pflichtvergessen und man müsse ihr das Sorgerecht entziehen.

Als Gregor dann einmal nicht zu Hause war, packte Kerstin eilig alles Nötige für die Kinder und sich zusammen. Sogar an die wichtigsten Dokumente dachte sie, wie die Geburtsurkunden der Kinder. Sie kam im Frauenhaus unter. Dort angekommen fragte ihr älteres Kind: „Bleiben wir jetzt erstmal hier?“ Sie sagte: „Ja, erstmal“, und es machte Luftsprünge. „Da hatte ich das Gefühl, ich habe das Richtige getan“, sagt sie. „Dieses Gefühl habe ich bis heute. Ich hatte alles getan, um die Ehe zu retten. Ich hatte versucht, Gregor zu verstehen, mit seinem Verhalten klarzukommen. Aber als mir bewusst wurde, dass er nicht nur meine Wahrnehmung untergraben hat, sondern auch die der Kinder, da wusste ich, ich muss sie schützen.“

Gregor rastete aus, als er bemerkte, dass sie mit den Kindern ausgezogen war. Er meldete es bei der Polizei, denn er hatte einige Freunde dort. Doch die Polizei fand heraus, dass Kerstin im Frauenhaus war, und beließ es dabei. Gregor erfuhr ihren Aufenthaltsort nicht. Nachdem Kerstin sich im Frauenhaus einigermaßen gefangen hatte, suchte sie für sich und die Kinder eine eigene Wohnung. Und bat dann die Polizei um Rat und Hilfe. Die kam, ging durch ihre neue Wohnung und den Garten und gab ihr Tipps, was sie zu ihrem Schutz und dem der Kinder tun könne. Sie rieten ihr, für den Fall der Fälle auch die lokale Polizei über ihre Situation zu informieren.

Die Kinder müssen trotz der Gewalt weiter zum Vater

Kerstins Alptraum war damit jedoch noch längst nicht vorbei. Denn nun bekam sie es nicht mehr nur mit Gregor, sondern auch mit den Behörden zu tun. Wieder und wieder erfahren wir aus unserem Umfeld oder den Medien, dass Jugendämter zugunsten von Gewalttätern handeln und Gerichte Kinder zum Umgang mit ihren gewalttätigen Vätern zwingen. Es gibt natürlich auch positive Fälle bei wirklich fachkundigen Zuständigen in den Institutionen und Behörden. Doch alleine die Bücher der Rechtsanwältinnen Christina Clemm und Asha Hedayati (s. Lesetipps ganz unten) zeigen, dass es reine Glückssache ist, wie fachkundig die Menschen wirklich sind, mit denen man es z. B. bei Sorgerechtsangelegenheiten zu tun bekommt. Es ist offenbar ein eklatantes strukturelles Problem: In den zuständigen Institutionen und Behörden haben viele entweder absolut keine Ahnung von häuslicher Gewalt und davon, woran man sie erkennt. Von einem Erkennen der „Ich bin das eigentliche Opfer hier!“-Show gar nicht erst zu reden, die viele toxische Menschen vor Gericht aufführen, um es ihren Ex-Partner:innen heimzuzahlen. Oder sie drücken bewusst oder unbewusst und auf allen Ebenen beide Augen zu, offenbar bevorzugt bei männlichen Gewalttätern – anders lässt sich die derzeitige Lage nicht erklären. Obwohl allein die Fälle häuslicher Gewalt gerade gegen Frauen und Kinder seit Jahren zunehmen, lassen Bundesregierung, Justiz und Behörden sie vollkommen im Stich. Es gibt bspw. keinerlei vorgeschriebene Weiterbildung zum Thema häusliche Gewalt für jene, die sich beruflich vorrangig damit befassen.

So kam es, dass Kerstin eine Umgangsregelung akzeptieren musste, nach der die Kinder fast die Hälfte der Zeit zu ihrem gewalttätigen Vater müssen. Der hatte inzwischen noch drakonischere, gesundheitsgefährdende Verhaltens- und Verbrauchsregeln für die Kinder aufgestellt. Und, wie Kerstin von den Kindern erfuhr, in der Wohnung strategisch Kameras verteilt, mit denen er die Kinder filmte. Auch beim Waschen. Sie meldete dies sofort, woraufhin er immerhin eine behördliche Anweisung erhielt, die Kameras zu entfernen. Doch niemand überprüfte, ob er der Anweisung Folge leistete. Wie die Kinder ihrer Mutter berichteten, gibt es die Kameras deshalb bis heute. Er filmt die Kinder also offenbar weiterhin, auch nackt.

Wehrt Kerstin sich gegen die Gewalt, verliert sie (!) das Sorgerecht

Aber da hört es noch lange nicht auf. Die Kinder müssen den Vater beispielsweise immer wieder streicheln, sie müssen in seinem Bett schlafen und andere Dinge, die weit über zulässige Grenzen hinausgehen. Dies hat Kerstin vor Gericht ausgesagt – jedoch auch das ohne Folgen. Die Kinder haben – in Anwesenheit des Vaters – den zuständigen Institutionen sogar glasklar gesagt, dass sie nicht mehr zum Vater wollen. Doch sie stießen auf taube Ohren und müssen bis heute zu ihm. Warum? Weil Gregor vor Gericht behauptet hat, sie hätten eine harmonische Ehe geführt, und Kerstin sei aus heiterem Himmel ausgezogen. Und weil der Gerichtsgutachter entgegen aller Beweise auf Gregors Seite stand und Kerstin drohte: Sie habe die Kinder gegen den Vater beeinflusst, und wenn sie sich weiter gegen den Umgang sperren würde, gäbe es Konsequenzen. Ihr Anwalt hat daraufhin die Flügel gestreckt: Er könne nichts weiter tun, weil Kerstin sonst Gefahr laufen würde, dass man ihr (ja, du hast richtig gelesen, IHR!) das Sorgerecht entziehen würde.

Es dauerte mehrere Jahre, bis Kerstin endlich die Genehmigung bekam, ihr restliches Eigentum aus der gemeinsamen Wohnung zu holen. Doch war dies zum größten Teil beschädigt, verschmutzt oder gar nicht mehr vorhanden. Die Wohnung war zugemüllt, dreckig und voller Gefahren für die Kinder. „Aber ich darf nichts mehr dazu sagen“, sagt sie, „weil ich mir dann wieder den Vorwurf anhören muss, ich würde das nur machen, damit die Kinder da nicht mehr hin dürfen.“ Ja, weshalb denn sonst?! Irgendwer muss sich doch um das Wohlergehen der Kinder kümmern, wenn es dem Vater und dem Staat schon völlig egal ist!

Die Gewalt geht weiter, auch gegen Kerstin

Unterhalt zahlt Gregor bis heute nicht. Das Geld dafür hätte er, denn er verdient inzwischen wieder eigenes Geld. Die Scheidung zögert er schier endlos hinaus, wie auch alle wichtigen Regelungen für die Kinder rund um ihre schulische Bildung und medizinische Notwendigkeiten.

Auch dies erleben zahllose Opfer toxischer Menschen immer wieder: die finanzielle Gewalt durch das Zurückhalten vorgeschriebener Zahlungen und durch das Verschleppen teurer Gerichtsprozesse. Und die soziale Gewalt durch das Torpedieren von Regelungen und Terminen für die Kinder. Bei all dem geht es diesen Menschen ausschließlich um eins: Kontrolle über das, was sie als ihr Eigentum betrachten, die Ex-Partner:innen und die gemeinsamen Kinder.

Heute weiß Kerstin, dass sie ihre Kinder nicht nur vor diesem Mann und den eigentlich für ihren Schutz zuständigen Institutionen bestmöglich schützen muss. Sie weiß auch, dass sie ihnen vermitteln muss, dass solche Beziehungen, ein solcher Umgang miteinander, nicht gesund sind. Und dass man das Recht hat, sich daraus zu befreien. „Jeden Moment, den ich Gregors gewalttätiges Verhalten länger akzeptiert hätte, hätte ich den Kindern vermittelt, dass es in Ordnung ist, andere Menschen so schlecht zu behandeln. Ich bin eh schon viel zu lange geblieben.“

Den Kindern geht es nur dann schlecht, wenn sie zum Vater müssen

Ihre Kinder sind heute kaum noch krank. Sie sind viel offener geworden, immer öfter auch gelöst und glücklich. Wenn sie nicht gerade zum Vater müssen. Dann geht es ihnen jedesmal sehr schlecht. Denn Gregor behandelt sie nach wie vor rücksichtslos, wertet sie ab und demütigt sie. Eins der Kinder leidet deshalb bereits an Depressionen. Gregor erzählt ihnen außerdem, er würde Kerstin immer noch lieben, aber sie würde ihn hassen, sie sei total verrückt geworden, sie müsse sich endlich helfen lassen, und er würde beten, dass sie endlich wieder normal würde. Was diese ständigen Lügen und Manipulationsversuche mit den Kindern machen, mag man sich kaum ausdenken. Gegen sein kontinuierlich verabreichtes Gift kann selbst die beste Mutter kaum etwas ausrichten. „Ich würde ihnen das so gerne ersparen“, sagt Kerstin, „aber ich komme einfach nicht gegen das System an.“

Inzwischen ist sie stärker geworden – noch stärker als sie ohnehin schon war. Denn all das kann ja nur jemand aushalten, die bereits besonders stark ist. „Ich fühle mich befreit“, sagt sie, „und bin heute nicht mehr darauf angewiesen, dass mir jemand ein Sicherheitsgefühl gibt. Dafür sorge ich jetzt selbst.“ Dennoch ist sie oft noch verzweifelt. Denn insbesondere der erzwungene Umgang mit ihrem gewalttätigen Noch-Ehemann, sein grenzenloses Aussitzen aller Vorgänge, um sich an ihr zu rächen, und sein Verhalten den Kindern gegenüber setzen ihr nach wie vor sehr zu. „Zum Glück habe ich ganz tolle Freunde“, sagt sie. „Sie sind mein Halt, ich kann mich jederzeit bei ihnen auskotzen, sie sind immer verlässlich zur Stelle und passen auf die Kinder auf, wenn ich einen Termin habe. Und ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Kindern, wir sind eine ganz enge Gemeinschaft geworden.“ Finanziell ist es schwer für sie, da auch gegen Gregors Weigerung, endlich für den Unterhalt seiner Kinder aufzukommen, schon seit mehreren Jahren keine Behörde etwas unternimmt. Er darf sie regelmäßig sehen, aber dafür zahlen muss Kerstin.

Mittlerweile hat Kerstin auch wieder eine Katze, die sie für keinen Mann der Welt mehr hergeben wird. Und sie wird weiter für die Rechte und das Wohlergehen ihrer Kinder kämpfen. Auch wenn das bedeutet, weiter gegen jene Institutionen kämpfen zu müssen, die Gewalttäter bevorzugen und all die enormen Schäden einfach in Kauf nehmen, die die bei ihren Ex-Partner:innen und Kindern anrichten.

Kerstins Tipps für Menschen in toxischen Partnerschaften

  • Zieh einen Schlussstrich und nimm die Konsequenzen in Kauf. Nichts ist so schlimm, wie sukzessive durch einen toxischen Menschen zerstört zu werden. Keine Sicherheit und kein Geld der Welt sind es wert, sich so behandeln zu lassen. Wenn dich etwas deinen Frieden kostet, ist es zu teuer. Es gibt in einer toxischen Beziehung absolut nichts, was diesen Frieden aufwiegen kann.
  • Trau dich, ins Frauenhaus zu gehen. Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Es ist eine tolle Einrichtung, in der du gut beraten wirst. Dort helfen sie dir wirklich, denn sie kennen sich mit Opfern toxischer Menschen aus.
  • Glaube nie, weil du keine körperlichen Schläge abbekommst, dass das keine häusliche Gewalt sei. Toxische Menschen haben auch andere Waffen, die sie jederzeit und ständig einsetzen.
  • Gehe niemals zu einem toxischen Menschen zurück! Ich glaube, das ist das Schlimmste, was man tun kann.

* Alle Namen und wiedererkennbaren Details von Kerstins Geschichte wurden von der Redaktion aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes und zur Sicherheit von Kerstin und ihren Kindern verändert.


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