Verratstrauma oder das Scheusal in deinem Haus

Viele von uns sind fassungslos, wenn wir aus den Nachrichten von furchtbaren Taten Prominenter und anderer Menschen erfahren. Noch viel größer ist diese Fassungslosigkeit, wenn wir erkennen, was uns ein scheinbar sehr vertrauter Mensch über viele Jahre angetan hat: das ultimative Verratstrauma. Doch was ist das genau?

Was ist ein Verratstrauma?

Die amerikanische Psychlogie-Professorin Dr. Jennifer Freyd prägte den Begriff des Verratstraumas (englisch: betrayal trauma) in den 1990er Jahren. Ursprünglich bezeichnete sie damit den Verrat durch eine Person, von der man (z. B. für das eigene Überleben) total abhängig ist. Ein Beispiel wäre ein Kind, das durch eine:n Erziehungsberechtigte:n jahrelangen Missbrauch erlebt. Das Kind muss seine Verletzungen und sein Trauma jedoch wegstecken, um überleben zu können. Denn sein Überleben hängt ja ausgerechnet von der Person ab, die ihm Gewalt antut. Es kann gar nicht entkommen.

In den Jahren seither hat sich die Bedeutung des Begriffs etwas erweitert. Inzwischen steht Verratstrauma für das Trauma, das wir als Kinder oder Erwachsene in langfristigen, engen Beziehungen erleben. Und zwar, wenn uns ein sehr vertrauter Mensch auf vielfältige Weise und über einen langen Zeitraum belügt und betrügt. Wenn er also unser Vertrauen missbraucht und verrät. Und wenn wir das erst nach einem langen Zeitraum erkennen. Und wenn wir erkennen, dass wir nie ahnten, dass in diesem Menschen ein solches eiskaltes Scheusal stecken könnte. Dieser Mensch kann ein Elternteil sein, ein Geschwister, ein Partner, eine beste Freundin, ein langjähriger Geschäftspartner, aber auch z. B. das eigene erwachsene Kind oder eine über viele Jahre behandelnde Ärztin oder Therapeutin.

Der Verrat kann ein emotionaler sein, dass z. B. dein Ehemann jahrelang heimlich fremdgeht, vielleicht sogar eine zweite Familie hat. Oder dass deine beste Freundin seit Kindheitstagen über all die Jahre deine größten Geheimnisse weitererzählt hat. Es kann aber auch ein finanzieller Verrat sein, wenn z. B. dein Geschäftspartner, mit dem du viele Jahre lang (scheinbar) gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet hast, die Bücher gefälscht und das Betriebsvermögen beiseite geschafft hat und du nun vor dem Bankrott stehst.

Es kann medizinischer/therapeutischer Verrat sein, wenn du erfährst, dass deine vertraute Ärztin/Therapeutin dich jahrelang falsch behandelt hat und/oder nie dafür qualifiziert war, dich zu behandeln. Es kann aber auch digitaler Verrat sein, wie die mutmaßlich selbst davon betroffene Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes in einer ZDF-Dokumentation zeigte. Fernandes fand z. B. durch Zufall heraus, dass jemand schon über zehn Jahre lang von ihr Deepfake-Bilder und -Videos erstellte, zum Kauf anbot und verschickte, heimlich in ihrem Namen Sexchats und -telefonate führte u. v. m. Sie ist damit nicht alleine.

Diese Form der digitalen, sexualisierten toxischen Gewalt und des Verratstraumas erleben unzählige Menschen, meistens Frauen. Und besonders oft durch einen vertrauten, nahestehenden toxischen Menschen, meistens ein Mann und besonders häufig der eigene (Ex-) Mann.

Die Täter:innen verraten also über lange Zeiträume das unbedingte Vertrauen, das die Opfer jahre- oder sogar lebenslang in sie hatten. Sie tun es, weil sie es können, und weil sie sich dadurch mächtig, dominant und in Kontrolle fühlen. Was das mit den Opfern macht, ist ihnen egal.

Welche Arten von Verratstrauma gibt es noch?

Eine weitere Art von Verratstrauma ist das Trauma durch institutionellen Verrat. Wenn z. B. den zahllosen Opfern von staatlicher Seite nicht geglaubt wird, selbst wenn Beweise vorliegen. Wenn erst ein besonders monströser Fall öffentlich werden oder ein prominenter Mensch eine:n Täter:in öffentlich anklagen muss, bevor sich – meist nur für kurze Zeit – etwas bewegt. Dann fordern sehr vereinzelte Politiker:innen erst lautstark Konsequenzen, und danach passiert meist nichts. Vielleicht werden nach jahrelangem Hin- und Her-Gezerre ein paar lächerliche, nie auch nur ansatzweise ausreichende Gelder bewilligt. Doch für die sind die Hürden meist enorm hoch, die Bürokratie furchtbar aufwändig und der Zeitraum viel zu kurz, um wirklich nachhaltig etwas zu verändern. Institutionelle Aufklärungskampagnen muss man mit der Lupe suchen, genauso wie sicht- und spürbare, nachhaltige Solidarität mit den Opfern.

Die Tatsache also, dass Institutionen wie Unternehmen oder Strafverfolgungsbehörden solche Formen der Gewalt häufig nicht ernstnehmen und Anzeigen nicht verfolgen, kann ein Verratstrauma nach sich ziehen. Genauso wenn sie die Gewalt nicht ahnden oder die Täter:innen mit mildesten Strafen oder gleich ganz ungestraft davonkommen lassen. Stattdessen können die Täter:innen i. d. R. nach recht kurzer Zeit wieder in ihre Berufe zurückkehren und weitgehend so leben, als sei nichts gewesen. Und sie können weiter unbehelligt Gewalt ausüben.

Das ist eine sehr typische Abfolge bei institutionellem Verrat. Den Opfern wird auf diese Weise erneut Gewalt angetan. Als wäre ihr bereits erlebtes Verratstrauma nicht schon genug.

Was macht ein Verratstrauma mit dir? Wie zeigt es sich?

Ein Verratstrauma hat meist eine Reihe unterschiedlicher, starker psychischer und emotionaler Reaktionen zur Folge, auch wenn es (scheinbar „nur“) um institutionellen Verrat geht. Zwei Dinge sind in jedem Fall gesetzt:
1. Die Auswirkungen von Verratstrauma sind meist gravierend.
2. Sie sind meist langanhaltend.

Und dies können die Folgen sein:

  • Du erkennst mit Schrecken, dass du diesen scheinbar so vertrauten Menschen in Wirklichkeit nie genau kanntest.
  • Du erkennst, wie viel von deinem Leben eine einzige, große Lüge war.
  • Angesichts dessen erlebst du eine schier bodenlose Fassungslosigkeit.
  • Deine Welt ist mit einem Schlag nicht mehr dieselbe. Und sie wird es auch nie wieder sein.
  • Das zieht dir den Boden unter den Füßen weg und verunsichert dich total.
  • Du verlierst dein Urvertrauen und das Vertrauen in dich selbst, in deine Fähigkeiten Probleme zu erkennen und korrekt einzuordnen, in deine Erfahrungen und in deinen Instinkt.
  • Du verlierst das Vertrauen in alle anderen Menschen um dich herum. Du weißt nicht mehr, wem du überhaupt noch vertrauen kannst. Du weißt nicht, wer davon gewusst hat und wer nicht, wer Flying Monkey Fragezeichen © Toxiversum oder Enabler:in Fragezeichen © Toxiversum war und ist, wer womöglich selbst von den Taten profitiert hat, wer wirklich nichts geahnt hat usw.
  • Du bist jetzt extrem wachsam, argwöhnisch und nervös.
  • Dein Ruf kann völlig zerstört sein. Du kannst dein Umfeld und deine Existenz dadurch verlieren.
  • Dich belastet nicht nur der (jahrelange) Betrug, sondern auch die Tatsache, dass du immer und immer wieder darüber nachdenken musst. Dass sich deine Gedanken aber permanent im Kreis drehen.
  • Vielleicht kannst du (zeitweise) über gar nichts anderes mehr nachdenken.
  • Du fragst dich immerzu, warum du das nicht bemerkt hast. Wie du so „naiv“ sein konntest. Wie du so sehr vertrauen konntest. Und deine Gedanken enden immer wieder in teils wüsten Selbstbeschuldigungen.
  • Neben Schuld empfindest du große Scham – beides mit die stärksten Waffen toxischer Menschen.
  • Du bekommst diffuse oder ganz konkrete Ängste, vielleicht auch Panikattacken.
  • Du verlierst Lebensfreude.
  • Du bekommst Depressionen.
  • Deine Gefühle schwanken immer wieder von gut (weil du es für einen Moment vergessen hast) bis wütend (weil der Verrat so enorm war).
  • Du empfindest große Trauer über all das, was du verloren hast – diesen Menschen, dein Vertrauen u. v. m.
  • Du kannst dich kaum noch konzentrieren.
  • Du schläfst nur noch sehr schlecht oder sehr wenig.
  • Du entwickelst Ticks (z. B. Augenzucken, merkwürdige Bewegungen u. a.).
  • Du bist anfällig(er) für Infekte, weil dein Immunsystem verrückt spielt.
  • Du entwickelst eine Ess- oder andere Störung, Magenprobleme und Verdauungsschwierigkeiten.
  • Du entdeckst nach und nach weiteren Verrat, z. B. in deiner Kindheit oder durch Menschen, die sich jetzt von dir ab- und dem toxischen Menschen zuwenden, weil sie nie so zu dir standen, wie du es immer glaubtest.
  • Dein eigenes Verratstrauma kommt auch nach Jahren immer wieder hoch, wenn du Ähnliches von anderen Opfern hörst oder liest.

Verratstrauma wirkt immer extrem destabilisierend auf das Opfer eines toxischen Menschen. Denn sein Leben ist von jetzt auf sofort völlig aus den Fugen gerissen, so wie ein Haus, das durch einen Tornado hochgehoben, in Millionen Teile zersplittert und über viele Kilometer verstreut wieder fallengelassen wird. Du wirst ausarbeiten müssen, welche Einzelteile du für dein neues Leben benötigst, und dir diese mühsam zusammensuchen müssen. Erhältst du dann von anderen nicht die Hilfe, die du brauchst, kann das alles nur noch schlimmer machen.

Möchtest du ein paar Tipps dafür, nach einem Verratstrauma wieder auf die Füße kommen zu können, dann kannst du hier weiterlesen: Was kannst du tun, wenn du ein Verratstrauma erlitten hast? (P)

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