Toxische Klischees: Die sind halt so, das musst du aushalten. Wirklich?

Toxische Klischees: Wer z. B. ein toxisches Elternteil oder toxische Menschen im unmittelbaren Umfeld hat, wird sich wahrscheinlich immer wieder solche Klischees anhören müssen. Eins davon ist: „Die sind halt so, das musst du aushalten.“ Aber musst du das wirklich?

Toxische Klischees sind in unserer Gesellschaft weit verbreitete Vorstellungen und Aussagen über toxische Menschen und ihr Verhalten. Sie werden pauschal benutzt und meist nicht hinterfragt. Und sie malen häufig ein vergleichsweise harmloses Bild der toxischen Menschen, während sie die Opfer als „selbst schuld“ oder sogar als „die eigentlichen Täter:innen“ hinstellen. Ein solches toxisches Klischee ist: „Die sind halt so, das musst du aushalten.“

Warum verbreiten Menschen toxische Klischees wie dieses?

Klischees machen unsere komplizierte, vielfältige Welt leichter zu begreifen. Es ist wesentlich einfacher, mit klischeehaftem Schwarz-Weiß-Denken durchs Leben zu gehen, als immer wieder neu zu versuchen, es in seinem Umfang und seiner Tiefe zu erforschen und zu akzeptieren. Wer es sich gerne leicht macht, hat auch meist kein Problem damit, dass toxische Klischees in der Regel unwahr sind.

Fallen dann in einem Gespräch toxische Klischees wie „Die sind halt so, das musst du aushalten“, sollte man sich immer zuerst anschauen, wer das gesagt hat. In der Regel sind es diese Menschen:

  1. Toxische Menschen selbst: „Ich bin nun einmal so“ ist ein beliebter Satz toxischer Menschen. Mit diesem wollen sie jedes Fehlverhalten entschuldigen. Und sie haben meist jede Menge vermeintlicher Gründe dafür parat, warum sie so (geworden) sind. Sehr beliebt ist die Ausrede: „Ich hatte eine schwere Kindheit.“ Gerne nehmen sie auch: „Ich habe Traumatisches erlebt.“ Nachprüfbar ist das oft nicht (und wenn doch, stellt es sich oft als erfunden heraus). Sie versuchen damit das Mitgefühl ihres Opfers zu wecken, um dann dessen Grenzen immer weiter verschieben zu können. Denn, wenn es ihnen diese Ausrede glaubt, dann gehen sie davon aus, dass sie freie Bahn für jede Form der Grenzverletzung und Gewalt haben. Dieses Verhalten können sie dann ja immer mit den (angeblich) selbst erlittenen Traumata rechtfertigen.
  2. Enabler:innen: Enabler:innen sind diejenigen Menschen, die von der toxischen Gewalt wissen, aber wegschauen oder behaupten, es sei doch alles gar nicht so schlimm, oder „der ist halt so“ und „das musst du aushalten oder gehen“. Damit befähigen sie toxische Menschen dazu, ihre Gewalt nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen, sondern oft auch vor aller Augen auszuüben. Sie tragen auf diese Weise dazu bei, dass Opfer es tatsächlich viel zu lange in toxischen Beziehungen aushalten und dabei oft vor die Hunde gehen.
  3. Opfer: Hat ein Mensch es schon von Geburt an mit einem toxischen Menschen zu tun, wächst es mit diesem toxischen Verhalten auf, dann lernt es ganz automatisch, dieses Verhalten als etwas scheinbar „Normales“ (nur etwas weiter außen auf der Skala des menschlichen Verhaltens) einzustufen. Auch eine toxische Beziehung im Erwachsenenalter kann diesen Effekt haben. Und es glaubt tatsächlich – je nach Länge und Stärke der Indoktrinierung – toxische Gewalt aushalten zu müssen, da es ja normal zu sein scheint. Zumal ja alles „noch viel schlimmer“ sein könnte. In der Regel ist eine toxische Beziehung auch nicht ständig grauenhaft – es gibt ja (meistens) immer wieder gute Zeiten, die die Hoffnung vieler Opfer auf eine dauerhafte Verbesserung aufrechterhalten.
    Aber neben den toxischen Menschen selbst und ihren Enabler:innen sind auch wir als Gesellschaft dafür mitverantwortlich, wenn ein Opfer toxische Klischees wie „Die sind halt so, das musst du aushalten“ glaubt. Denn wir befördern toxische Klischees, teils aus Mangel an Wissen über toxische Menschen, teils aus Opportunismus und teils im Namen der Kunst. Da ist es nicht verwunderlich, wenn Opfer diesem Glauben wirklich erliegen.

Was macht dieses toxische Klischee mit den Opfern?

Wer einmal gelernt hat, toxisches Verhalten hinnehmen und ertragen zu müssen, wird diesen Glaubenssatz oft nur schwer wieder los. Das kann sich das ganze Leben hindurchziehen, bis weit ins Erwachsenenalter. Und es kann das Leben eines Opfers extrem erschweren. Denn vielen Opfern ist gar nicht klar, dass sie da einem toxischen Klischee aufgesessen sind, das unwahrer nicht sein könnte. Und viele können sich auch deshalb kaum aus dem toxischen Kreislauf befreien, der sich in ihrem Leben womöglich immerzu wiederholt.

Eins ist auf jeden Fall klar: Bleibt ein Opfer bei einem toxischen Menschen, weil ihm diese toxischen Klischees so lange gepredigt oder vielleicht sogar eingeprügelt wurden, bis es sie glaubte, dann ist dieses Bleiben nicht seine Schuld. Es kann sich unter anderem deshalb auch nicht so leicht aus dieser Beziehung lösen, weshalb die Ungeduld vieler und ihr Unverständnis über das Bleiben vollkommen fehl am Platze sind.

Musst du toxisches Verhalten wirklich aushalten, weil „die sind halt so“?

Die kurze Antwort ist: nein!

Erstens ist die Aussage „die sind halt so“ grundfalsch. Sie suggeriert, dass es eine unabänderliche Tatsache sei, dass sich ein toxischer Mensch niemals ändern könne. Doch das stimmt nicht. Die meisten toxischen Menschen könnten sich anders verhalten, wenn sie wollten. Wie gut sie das könnten, beweisen sie in den positiven Phasen. Sie wollen aber nicht.

Zweitens: Nur, weil du vielleicht an toxisches Verhalten gewöhnt bist, weil du ihm über Jahre oder womöglich seit deiner Kindheit ausgesetzt warst und es deshalb für furchtbar, aber scheinbar normal hältst, heißt das nicht, dass du es aushalten musst. Auch dann nicht, wenn du dieses Verhalten schon seit Jahren oder Jahrzehnten erlebst. Toxisches Verhalten ist weder normal noch gesund. Und es ist nie akzeptabel, unter keinen Umständen.

Du hast ein Recht auf körperliche Unversehrtheit (s. Grundgesetz Art. 2). Du hast auch ein Recht darauf, dich in unserer Gesellschaft so zu entfalten, wie du es möchtest (solange du niemandem damit schadest). Beides ist in toxischen Beziehungen jedoch so gut wie nie gegeben. Deine emotionale und seelische Unversehrtheit erst recht nicht.

Also, sind die halt so, und du musst das aushalten? Nein, beides definitiv nicht! Und es wird höchste Zeit, dass wir alle solche toxischen Klischees aus unserem Wortschatz streichen. Denn sie schaden den Opfern und helfen den Täter:innen, einfach weiterzumachen, als wäre ihr Verhalten auch nur ansatzweise akzeptabel (was es nicht ist).

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