Für Introvertierte in toxischen Beziehungen kann das Leben zur doppelten Hölle werden. Egal, ob es sich dabei um eine private oder berufliche Beziehung handelt. Warum ist das so? Und inwiefern betrifft eine toxische Beziehung Introvertierte besonders stark? Ein Beitrag zum Welttag der Introvertierten (02. Januar).
Eins vorweg: Amokläufer und Incels werden in der Öffentlichkeit häufig als „introvertiert“ beschrieben. Es gibt jedoch keinerlei Belege dafür, dass deren Rückzug in gewalttätige Computerspiele, Hass verbreitende Onlineforen oder Terror-Gruppen pauschal etwas mit realer Introversion zu tun haben könnte. Ihre rabiaten Einstellungen, ihr Hass, ihre Radikalisierung und ihre Gewalt spiegeln stattdessen toxische Einstellungen und toxisches Verhalten wider. Das bedeutet, sie sind entweder selbst toxisch und/oder diejenigen sind es, die sie zu ihren antisozialen, zerstörerischen Einstellungen und brutalen Taten anstacheln, nötigen oder zwingen. Dies alles hat aber rein gar nichts mit Introversion zu tun!
Introversion ist keine Behinderung und hat nichts mit Autismus zu tun. Introversion hat außerdem absolut nichts mit Schüchternheit zu tun oder mit Verstocktheit, Verkorkstheit, Dummheit oder Merkwürdigkeit. Es kursieren jede Menge negativer Vorurteile über Introversion, weil unsere Gesellschaft Extroversion derzeit als das vermeintliche „Maß aller Dinge“ propagiert, also als etwas „Normales“ oder sogar „Besseres“. Was es aber nicht ist – beides ist absolut gleichwertig, und beides ist absolut normal. Introvertierte sind ganz normale Menschen.
Was ist Introversion?
Introversion ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das zuerst in den 1920er Jahren von dem Psychiater Carl Gustav Jung beschrieben wurde. Sie ist genetisch bedingt. Der Introversion gegenüber liegt die Extroversion (korrekter wäre „Extraversion“ mit A, aber die Variante mit O hat sich umgangssprachlich eingebürgert). Beide, Introversion und Extroversion, liegen auf einer Skala von bis, d. h. es gibt unterschiedlich starke Ausprägungen beider Merkmale. In der Mitte der Skala gibt es Menschen mit Anteilen beider Merkmale. Und je weiter es auf der Skala nach außen geht, desto stärker sind die jeweiligen Anteile des betreffenden Persönlichkeitsmerkmals ausgeprägt.
(Bist du dir nicht sicher, ob du selbst zu den Introvertierten oder doch eher den Extrovertierten zählst, kannst du hier gratis einen Online-Test machen: Intro-Extro-Test. Weitaus tiefer geht der kostenpflichtige „Myers-Briggs-Test“. Möchtest du mehr über Introversion lernen, findest du eine Menge dazu in dem Buch „Still: Die Kraft der Introvertierten“ von Susan Cain, in den Büchern von Dr. Sylvia Löhken oder auch [auf Englisch] in den Büchern und im Blog „Introvert, dear“ von Jenn Granneman.)
Wie zeigt sich Introversion bei Menschen?
Introvertierte Menschen (auch kurz „Intros“ genannt) ziehen viel Energie aus einem guten Zweiergespräch. Dagegen verlieren sie massiv Energie in einer größeren Gruppe oder Menge von Menschen. Sie sagen deshalb auch häufiger Einladungen zu Partys und Events ab. Aber eher nicht, weil sie die Menschen nicht leiden können, sondern weil sie die Kraft nicht aufbringen können. Sie benötigen viel Ruhe und Zeit zur Kontemplation, aber auch zur Erholung von den Eindrücken der Außenwelt. Man bezeichnet sie als die „stillen“ Menschen, im Gegensatz zu den „lauten“ Extrovertierten (auch „Extros“ genannt). U. a. weil sie nicht ständig zu allem und jedem ihre Meinung sagen müssen. Erst recht nicht, wenn schon dreihundert (extrovertierte) andere vor ihnen die gleiche Meinung kundgetan haben.
Aber „still“ sind sie in Wirklichkeit gar nicht, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Sie sind nicht nur sehr aufmerksame Zuhörer:innen, sondern sie können auch stundenlang angeregt reden … wenn ihnen nur die richtige Person gegenübersitzt oder wenn sie ein Thema wirklich interessiert oder bewegt. Und wenn sie reden, hat das, was sie sagen, meist Hand und Fuß. Denn sie haben es gründlich durchdacht und abgewogen. Deshalb mögen sie auch keinen Smalltalk – Oberflächlichkeit langweilt sie zu Tode.
Introvertierte sind nicht sehr spontan in Bezug auf Aktivitäten, da sie lieber ihren Tag planen und ungerne von dem Plan abweichen. Sie sind auch nicht sehr schlagfertig, was mit einer unterschiedlichen Verdrahtung ihres Gehirns zu tun hat: Ihre Gedanken nehmen meistens einen längeren Umweg. Was andere abwertend bis bösartig als „lange Leitung“ bezeichnen, ist also in Wirklichkeit biologisch begründetes, tiefes Nachdenken. Das, was vielen nach einer überraschenden Spontanentscheidung aussieht, haben Introvertierte lange ausgebrütet und dabei so gut wie jedes denkbare Für und Wider berücksichtigt. Nur haben sie nicht mit der halben Welt jedes Stadium ihrer Überlegungen durchdiskutiert.
Introvertierte Menschen beobachten gerne, viel und meistens sehr genau. Sie sind darum von Entwicklungen selten überrascht, da sie sie schon lange haben kommen sehen. Sie sind meist sehr friedliebend und vermeiden Konfrontationen. Sie können gut alleine sein und alleine leben – dafür benötigen sie nicht viele Menschen um sich herum. Nur den Wenigen, die sie wirklich an sich heranlassen, schenken sie ihr Vertrauen. Während Extrovertierte oft Dinge tun, um mit anderen Menschen zusammenzusein (und daraus Energie zu schöpfen), tun Introvertierte diese Dinge um der Dinge willen – ob das Sport ist, Vereinsaktivitäten, Kulturelles oder anderes.
Zwischen 30 und 50 Prozent der Bevölkerung sind introvertiert. Dennoch wird extrovertiertes Verhalten gesellschaftlich als einzig erstrebenswerter Standard gesehen. Introvertierte werden darum oft ausgegrenzt, denn sie können dem extrovertierten Verhalten ja rein biologisch gar nicht entsprechen. Sie selbst fänden naturgemäß eine weniger laute, weniger schnelle und weniger oberflächliche Welt deutlich erstrebenswerter. Sie könnten dann auch z. B. bei der Arbeit weit bessere Ergebnisse liefern, was eigentlich im Sinn der Unternehmen wäre. Doch die werden bedauerlich häufig von toxischen und/oder extrovertierten Menschen geführt.
Und, ja, auch unter Introvertierten gibt es zahlreiche toxische Menschen. Aber es gibt eben auch zahlreiche Opfer unter ihnen, und die trifft toxisches Verhalten oft besonders hart.
Wie erleben Introvertierte toxische Beziehungen?
Wie introvertierte Menschen eine toxische Beziehung erleben, kann natürlich individuell sehr verschieden sein. Denn wie auch bei Extrovertierten hängt das von vielen Faktoren ab. Z. B. davon, ob sie bereits vorher in einer toxischen Beziehung, ohne sich dessen bewusst zu sein, indoktriniert und manipuliert wurden. Oder ob sie mit einem toxischen Elternteil aufgewachsen sind und – je nach ihrer Rolle in der Familie – womöglich gar keine andere Beziehungsform als die manipulative, unsichere, gewalttätige kennen.
Es lässt sich auch nicht pauschal sagen, dass Introvertierte generell viel stärker unter toxischer Gewalt leiden als Extrovertierte. Denn es gibt natürlich auch Introvertierte, die es früher schaffen als andere, toxische Menschen zu durchschauen und sich zu schützen. Dementsprechend können die Auswirkungen der Gewalt bei beiden, Intro- und Extrovertierten, unterschiedlich gewichtet sein. Zumal nur ein Mensch die Schwere der Auswirkungen der toxischen Gewalt einstufen kann: jeder von Gewalt betroffene Mensch selbst.
Allerdings gibt es Dinge, die viele Introvertierte in toxischen Beziehungen gemeinsam haben. Und die sind anders als bei Extrovertierten und teilweise deutlich stärker ausgeprägt.
Verstärkter Rückzug, endloses Grübeln
Für Intros ist es ja ganz normal, sich zurückzuziehen und länger über Dinge nachzudenken. Doch in einer toxischen Beziehung ziehen sie sich gewaltbedingt und unbewusst noch weiter zurück und grübeln noch stärker nach. Nur fällt das womöglich weder ihnen selbst noch ihrem Umfeld sonderlich auf – man kennt den Rückzug ja von ihnen. So drehen sich andere nichtsahnend weg. Wodurch der toxische Mensch noch mehr Raum und Zeit dafür hat, seine Gewalt auszuüben.
Vollständige Isolation, auch von den wenigen Vertrauten
Schafft es dieser Mensch dann, Introvertierte selbst von den wenigen Menschen, die ihnen wirklich wichtig sind, zu isolieren, kann das grausame Folgen haben. Denn damit wird die introvertierte Person womöglich vollständig isoliert sein und absolut niemanden mehr um sich haben, dem sie vertraut bzw. (sich an-) vertrauen kann. Obwohl sie das Alleinsein gewohnt ist und mag, wird sie dadurch eine Einsamkeit erleben, die oft weitaus schlimmer ist als alles, was sie je erlebt hat. Denn mit dieser isolationsbedingten Einsamkeit einher geht häufig auch eine große Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit. Denn in der Isolation sind Menschen leichter zu indoktrinieren und zu brechen. Weshalb auch Terrororganisationen und Sekten diese Taktik für ihre Zwecke nutzen. Gar niemanden mehr zu haben, dem sie wirklich vertrauen können, und dann noch die ständige Manipulation des toxischen Menschen erleben zu müssen, ist wie Folter für Introvertierte und zieht einen enormen Energieverlust nach sich. Und dann geben sie womöglich irgendwann auf. Sie stumpfen ab. Sie existieren und funktionieren nur noch. Wirkliches Leben und erst recht Genuss sind nicht mehr drin. Entzieht sich ihnen der toxische Mensch außerdem z. B. durch plötzliche Funkstillen und Schweigen als Strafe in einer von vielen Entsorgungsphasen, ist das oft keine Erleichterung. Denn nun fehlt ihnen noch der letzte Mensch, dem sie bislang glaubten vertrauen zu können. Da finden sie kein Licht mehr am Ende des Tunnels.
Friedliebende Intros können sich keinen Reim auf kriegerische toxische Menschen machen
Schwierig wird auch für Intros, dass ausgerechnet sie, die so viel über alles nachdenken, sich absolut keinen Reim auf das Verhalten des toxischen Menschen machen können. Sie kennen es von sich, immer die bestmögliche Lösung oder zumindest richtig gute Kompromisse finden zu können. Aber hier funktioniert das nicht. Denn toxische Menschen wollen keine Kompromisse und keine Lösung. Sie wollen nur Macht, Kontrolle und Dominanz. Also reiben sich die Intros unendlich auf in Diskussionen und in dem verzweifelten Bemühen, die toxischen Menschen zu verstehen und ihnen entgegenzukommen. Nur die wollen die gar nicht verstanden werden, sondern einfach nur ihren Willen kriegen, um jeden Preis. Und sie scheuen dafür nie die Konfrontation, egal, was das mit der Beziehung macht. Das ist eine Einstellung, die die friedliebenden Introvertierten nie verstehen können, und an der sie sich die Zähne ausbeißen.
Erschütterte Grundfesten durch verstärkte Gewalt
Typische Dinge, die Introvertierte tun, finden toxische Menschen am Anfang angeblich noch „süß“, „liebenswert“, „sinnvoll“, „verständlich“, „vorbildlich“, „unterstützenswert“ u. Ä. Dazu gehören Dinge wie die Abneigung gegen Smalltalk und Oberflächliches, das Vermeiden von Menschenansammlungen und Konfrontationen, das ausgeprägte Bedürfnis nach Harmonie und Ruhe, das ernsthafte Nachdenken über Dinge usw. Doch sehr bald wendet sich das Blatt. Dann wird die introvertierte Person für exakt diese Dinge kritisiert, abgewertet und gedemütigt. Aber nicht für ihr Verhalten, sondern für ihre Persönlichkeit, ihr Innerstes, ihr Sein. Und das weit stärker als sonst schon innerhalb unserer extro-orientierten Gesellschaft. Ausgerechnet von einem Menschen, dem sie vertrauen/vertraut hat. Sie wird dadurch in ihren Grundfesten völlig erschüttert. Und weil Intros Entwicklungen und Muster deutlich schneller erkennen können als Extros, müssen toxische Menschen das Gaslighting früher einsetzen und verstärken. Denn natürlich soll das Opfer auf gar keinen Fall die Muster im Verhalten des toxischen Menschen erkennen, analysieren und dann den toxischen Menschen verlassen. Das heißt, Introvertierte können deutlich mehr Gewalt erfahren.
Extremer Energieverlust
Außerdem verlieren Introvertierte nun sogar in der Zweierbeziehung, die ja normalerweise ihr bevorzugter Umgang ist, unglaublich viel Energie. Und das, wo sie doch zu Beginn der Beziehung noch Energie gewinnen konnten. Denn zu dem Zeitpunkt schien es ja noch so, als hätten sie mit dem toxischen Menschen einen Menschen getroffen, der sie versteht und dem sie vertrauen können. Aber schon während der Love-Bombing-Phase beginnen die, die Introvertierten stark auszulaugen, z. B. durch das nächtliche Wach-Halten mit endlosen Chats oder Diskussionen. Und nach dieser Phase zetteln sie wiederholt Konfrontationen und Streits an, die noch kräftezehrender sind. Genauso wie die zunehmende toxische Kritik, die Introvertierte oft enorm beschäftigt. Denn toxische Kritik hat selten eine Basis in der Realität – so wie das gesamte Gaslighting. Also hinterfragen sich Intros noch stärker, und sie fühlen angesichts dessen sehr viel Schuld und Scham. Zu der dringend benötigten Ruhe lassen toxische Menschen sie nur selten kommen. Und kaum haben sie etwas Ruhe und Sicherheit gefunden, fallen toxische Menschen wieder über sie her – danach können Introvertierte die Uhr stellen.
Vertrauensverlust in die Menschheit
Besonders schwerwiegend kann für Introvertierte darüber hinaus der enorme Vertrauensverlust sein. Der zeigt sich u. a. darin, dass der toxische Mensch alles ihm Anvertraute entweder überall herumposaunt und/oder als Waffe gegen die introvertierte Person nutzt.
Intros werden sich schließlich für alles selbst die Schuld geben, weil der toxische Mensch es tut und sie jetzt gar kein Korrektiv durch ihre vertrauten Personen mehr haben. Diese Schuld und die darauffolgende Scham sind einige der stärksten Waffen toxischer Menschen, die Introvertierte noch viel weiter in den Rückzug drängen können. Erkennen Introvertierte später, wem sie da auf den Leim gegangen sind und in welchem Ausmaß, kann das ihr Vertrauen in die ganze Menschheit stark erschüttern und erneut zu einem verstärkten Rückzug führen.
Nutze deine besten Eigenschaften!
Ganz heile kommt so gut wie niemand aus der Beziehung zu einem toxischen Menschen, egal ob Intro(vertierte:r) oder Extro(vertierte:r). Man trägt immer Verletzungen davon – manche davon leicht, manche gravierend. Und manche davon werden vielleicht viele Jahre lang nicht heilen können. Erst recht, weil es so viele elementare Dinge in unserer Gesellschaft bislang nicht gibt wie:
- Allgemeinwissen über toxische Methoden und ihre Folgen,
- ausreichend Therapieplätze,
- ausreichend Therapeut:innen, die sich mit toxischem Verhalten und seinen Folgen auskennen und
- ausreichend Therapeut:innen, die sich mit den spezifischen Bedürfnissen von Introvertierten auskennen.
Umso wichtiger ist es also für Introvertierte, sich selbst über das klarzuwerden, was da vor sich geht. Nachzuforschen, nachzudenken, Muster und Entwicklungen zu erkennen. Verliere also den Mut nicht, sondern nutze deine besten Eigenschaften – jetzt erst recht! Denn nur dann kannst du dich besser vor dieser vielfältigen Gewalt schützen, die dich so extrem beeinträchtigen und kaputtmachen kann. Tipps dafür, wie das gehen kann, findest du hier: „Als Introvertierte:r in einer toxischen Beziehung: Wie kannst du das halbwegs heile überstehen?“ (P).
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