Toxische Warnsignale: Die vier Überlebensreaktionen bei Gewalt durch toxische Menschen

Wie reagieren Opfer auf Gewalt durch toxische Menschen? Auch wenn jeder Mensch und jede Situation verschieden ist, ist eins so gut wie immer gleich: die Muster dieser Überlebensreaktionen. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen vier Mustern: Kampf, Flucht, Erstarrung und Unterwerfung. Was bedeuten diese?

Ist ein Mensch toxischer Gewalt ausgesetzt, dann reagiert er darauf – jeder auf seine individuelle Weise, aber dennoch nach den oben genannten Mustern. Diese Reaktionen sind wichtige Warnzeichen dafür, dass du es mit einem toxischen Menschen zu tun hast oder hattest, auch wenn du es in diesem Moment vielleicht noch nicht wahrhaben möchtest.

Warum ist es wichtig, sich über die eigenen Muster klarzuwerden?

Toxische Gewalt hat Folgen. Diese zeigen sich den Opfern meist nicht sofort. Manchmal dauert es Jahre, manchmal Jahrzehnte, bis sie ihnen auf die Schliche kommen können. Und manche Opfer haben es mit diesen Folgen zwar tagtäglich zu tun (sowohl seelisch und emotional als auch körperlich), bringen sie jedoch nie mit der toxischen Gewalt in Verbindung. Vielleicht auch, weil sie diese Gewalt nie identifizieren konnten, nicht einmal, wenn sie über viele Jahre geschah. Was aber nie die Schuld der Opfer ist – es gibt legitime Gründe, warum sie die Gewalt nicht erkennen konnten.

Eine solche Folge kann sein, dass die Gewalt dich noch Jahre oder Jahrezehnte später prägt. Vielleicht ist dir (und deinem Umfeld) dein Verhalten teilweise völlig unverständlich. Je früher du die Gewalt bspw. erlebt hast (z. B. als Kind durch deine Eltern), je länger die Gewalt andauerte oder je stärker sie dich zum Zeitpunkt des Geschehens beeinträchtigt hat, desto mehr können deine Reaktionen, die eigentlich für den akuten Gewaltmoment angelegt waren, zu Alltagsreaktionen werden. So kann es dann passieren, dass du in völlig harmlosen Situationen so reagierst, als würde dir akute Gefahr drohen. Daher wäre es gut, sich über die eigenen Muster einmal klarzuwerden, um zu schauen, wo sie dein Leben beeinflussen.

Es kann außerdem von großem Vorteil sein, sich über die eigenen Reaktionsmuster klarzuwerden, weil sie dir fortan signalisieren können, dass du es mit einem toxischen Menschen zu tun hast, der Gewalt gegen dich ausübt. Allerdings wäre es wichtig, dann schon unterscheiden zu können, ob dieser Mensch wirklich eine akute Gefahr darstellt oder ob deine Reaktion eine ist, die eigentlich auf frühere Gewalt zurückzuführen ist und nichts mit der jetzigen Situation zu tun hat.

Vier Überlebensreaktionen bei Gewalt durch toxische Menschen – mehr nicht?

Wir unterscheiden zwischen vier reflexartigen Überlebensreaktionen auf toxische Gewalt: Kampf, Flucht, Erstarrung und Unterwerfung. Vier Reaktionen – das mag sich im ersten Moment sehr gering anhören, da wir ja alle verschieden sind und verschiedene Lebenserfahrungen mitbringen – die einen haben bspw. ein sehr sicheres, liebevolles Elternhaus, die anderen wachsen mit Gewalt und ständiger Unsicherheit auf. Die einen hatten einen sehr stringenten Lebenslauf, die anderen haben viel ausprobiert und entsprechende Erfahrungen gemacht. Außerdem sind doch die toxischen Beziehungen sehr, sehr unterschiedlich. Wie kann es da nur vier Reaktionen auf die toxische Gewalt geben?

Das hat u. a. damit zu tun, dass unsere Vorfahr:innen in frühester Zeit sehr ähnliche Erfahrungen mit Gefahren gemacht haben, die sie geprägt (und die sie über die sogenannte transgenerationale Weitergabe auch den nachfolgenden Generationen vererbt) haben. Waren diese Menschen in Gefahr, entwickelten sie eine der vier Reaktionen: Kampf, Flucht, Erstarren oder Unterwerfung. Im Englischen werden sie die „4 Fs“ genannt: „Fight-, Flight-, Freeze- & Fawn-Response“.

Warum zeigen wir diese Reaktionen?

Für alle vier Reaktionen gibt es einen Grund: Wir reagieren in dem Versuch, uns aus einer unsicheren Situation zu entfernen oder aus der für uns unsicheren wieder eine sichere Situation zu machen. Es sind unbewusste Strategien, um uns selbst in Sicherheit zu bringen oder die Sicherheit für uns und/oder unsere Schutzbefohlenen (z. B. Kinder) wiederherzustellen.

Wie wir dies tun, hängt u. a. von unserer eigenen Vorgeschichte ab, von unseren Lebenserfahrungen, unserem Charakter, den Umständen, in denen wir uns mit dem toxischen Menschen befinden, und der Gewalt, die dieser Mensch ausübt.

Die vier Reaktionsmuster: Kampf, Flucht, Erstarrung, Unterwerfung

Zwar werden die Reaktionen klar unterschieden in Kampf, Flucht, Erstarrung und Unterwerfung. Doch ist die Realität meist nicht so klar abzugrenzen. Denn Opfer sind in der Regel hauptsächlich einem der vier Typen zuzuordnen, aber sie haben auch Anteile von einem oder mehreren der anderen Muster. Solltest du dich und deine typischen Reaktionen also bei mehr als nur einem Muster wiedererkennen, dann ist das kein Fehler, sondern völlig richtig und normal.

Die Kampfreaktion (Fight-Response)

Bei der Kampfreaktion nimmst du nicht tatenlos hin, dass dir jemand Gewalt antut. Du wirst wütend und wehrst dich – manchmal körperlich, manchmal verbal, manchmal auch auf anderen Wegen (z. B. rufst du sofort die Polizei und erstattest Anzeige). Du lässt dir nichts gefallen und versuchst vielleicht sogar, durch einen Gegenangriff, die Oberhand zu gewinnen. In diesen Momenten entwickelst du Kräfte, von denen du gar nicht mehr wusstest, dass du sie noch hattest. Es kann sein, dass du dabei die Verhaltensweisen des toxischen Menschen übernimmst und sie gegen andere anwendest. Echte Nähe kannst du nicht zulassen, und anderen gegenüber kannst du manchmal richtig gemein werden oder sogar selbt Gewalt ausüben.

Die Fluchtreaktion (Flight-Response)

Die Fluchtreaktion bedeutet, dass du versuchst, dich der Gewaltsituation zu entziehen. Vielleicht verlässt du tatsächlich den Raum, um dich in Sicherheit zu bringen. Oder du flüchtest dich in Arbeit oder exzessives Putzen und Aufräumen und dabei in einen extremen Perfektionismus. Denn du willst es dem toxischen Menschen unbedingt recht machen, um ihm keine weitere Angriffsmöglichkeit zu bieten. Nach außen hin wirkst du immer perfekt – perfekt gekleidet, frisiert, aufgeräumt, organisiert usw. Du hoffst, wenigstens dadurch liebenswert zu sein, weil du – so glaubst du oder so sagt es dir der toxische Mensch immer wieder – ansonsten nicht liebenswert bist.

Die Erstarrungsreaktion (Freeze-Response)

Bei der Erstarrungsreaktion kannst du gar nicht mehr agieren. Du schaltest ab (dissoziierst) und fühlst dich seelisch, emotional und körperlich ganz taub. Deine Stimmung ist trostlos bis depressiv. Vielleicht spürst du nichts mehr – die Gewalt nicht, deinen Körper nicht, deinen Schmerz auch nicht. Du nimmst nicht (mehr) aktiv am Leben Teil, sondern ziehst dich zurück, verbringst oft und am liebsten Stunden um Stunden alleine mit deinem Haustier, mit Computerspielen, vorm Fernseher, am Smartphone oder hinter Büchern, auch wenn du dich vielleicht sehr nach Gemeinschaft und echter Nähe sehnst. Du träumst dich in ein anderes Leben, weil dir dein Leben hier und jetzt nichts von dem gibt, was du wirklich brauchst und dir wünschst. Du hast neben einigen wenigen Freundschaften im RL (realen Leben) auch Freundschaften übers Internet, die du vielleicht noch nie persönlich getroffen hast, und das ist völlig in Ordnung für dich. Vielleicht kannst du dich an die Zeiten früherer Gewalt, z. B. in der Kindheit, nicht erinnern, hast große Erinnerungslücken über viele Jahre.

Die Unterwerfungsreaktion (Fawn-Response)

Die Unterwerfungsreaktion bedeutet, dass du auf die Gewalt deines Gegenübers reagierst, indem du extra folgsam, freundlich, schmeichelnd, entgegenkommend und hilfsbereit bist. Du konzentrierst dich ganz auf den toxischen Menschen und vernachlässigst dich und deine eigenen Bedürfnisse. Du fühlst dich für seine Gefühls- und sonstige Lage verantwortlich und versuchst, sie zu verbessern und seine Wünsche zu erahnen und sie ihm vorauseilend zu erfüllen. Du hoffst dadurch, ihn zu beruhigen, zu besänftigen und dazu zu bringen, die Gewalt einzustellen. Du kannst sehr schlecht nein sagen und hast immer das Gefühl, trotzdem nie gut genug zu sein. Dieses Verhalten zeigst du vielleicht nicht (mehr) nur dem toxischen Menschen gegenüber, sondern auch allen anderen. Sie schätzen es sehr, dass du ihnen so gut zuhörst und immer weißt, wie es ihnen geht, was sie sich wünschen usw. Auf diese Weise versuchst du, auch von ihnen akzeptiert, gemocht und nicht abgelehnt zu werden.

Welche Folgen können die vier Reaktionsmuster für dich haben?

Du wirst vielleicht hinlänglich aus eigener Erfahrung wissen, dass deine Reaktion, egal wie sehr du dich bemühst und anstrengst, alles richtig zu machen, nie zu einem dauerhaft positiven Effekt bei dem toxischen Menschen führt. Nichts von dem, was du tust, ist richtig, akzeptabel oder gut genug für ihn. Manches wird ihn furchtbar aufregen, und er wird auf jede nur denkbare Weise versuchen, dich aus dieser Reaktion zu holen. Warum? Weil du in keinem dieser Reaktionsmuster für ihn voll erreichbar, kontrollierbar und manipulierbar bist. Das kann er nicht ertragen, und er wendet weitere Gewalt (seelische, emotionale, körperliche oder eine der anderen Gewaltarten) an, um dich wieder nach seinen Vorstellungen „einzunorden“. Das wiederum kann dazu führen, dass du dein Reaktionsmuster noch weiter verstärkst, dich noch mehr wehrst, noch perfektionistischer wirst, dich noch mehr in dich zurückziehst oder noch folgsamer und beflissener wirst.

Das alles kann natürlich Folgen für dich haben – sowohl seelisch und emotional als auch körperlich, sozial und finanziell. Vielleicht kümmerst du dich z. B. nicht (mehr) gut um dich selbst, weil dein ganzes Leben sich nur noch um den anderen Menschen dreht und deine Bedürfnisse keine Rolle zu spielen haben. Hast du bereits ein gewaltbedingtes Trauma oder körperliche Folgen, kannst du dich auch darum nicht kümmern oder nicht ansatzweise so, wie es nötig wäre, um wieder ein (schmerz-) freies Leben führen zu können. Vielleicht verschlampst du ziemlich und verlierst den Überblick über die notwendigsten Dinge, weil du keine Kraft (mehr) hast, dich auf etwas zu konzentrieren und um all das zu kümmern. Oder du verlierst einen großen Teil deiner Freundschaften und den Rückhalt deines Umfelds, weil diese Menschen nicht verstehen, warum du dich zurückziehst oder so verhältst, wie du es tust.

Umso wichtiger ist es da natürlich, so viel über diese vier Reaktionen auf Gewalt durch toxische Menschen zu lernen, dass du erkennen kannst, dass du absolut nicht „versagst“ oder „spinnst“ oder „geisteskrank“ bist oder was auch immer du selbst oder andere von dir denken oder dir vorwerfen mögen. Und dass so manches in deinem Leben vielleicht auch mit der Angst zu tun hat, die (durch die Gewalt) gewohnten Muster zu durchbrechen, in denen du es dir über die Jahre halbwegs eingerichtet hast. Oder überhaupt erst einmal herauszufinden, wer du selbst wirklich bist – ganz ohne die Gewalt und deine anhaltenden Reaktionen darauf.

Erst in dem Moment, in dem du weißt, warum du so reagierst, warum du dich vielleicht schon seit Jahrzehnten auf eine bestimmte Weise verhältst, kannst du versuchen, dich damit gezielt auseinanderzusetzen. Denn toxische Gewalt kann dazu führen, dass man noch lange, nachdem die Gewalt aufgehört hat, davon beeinflusst ist – und meist nicht auf positive Weise. Das Wissen um deinen Reaktionstyp kann dir sehr helfen, dir dein Leben zurückzuholen oder es (falls du Kind toxischer Eltern bist) ganz neu aufzubauen, und zwar so, wie du es willst. Das Wissen um deine Muster kann dir außerdem helfen, zukünftig schon anhand deiner eigenen Reaktionen zu erkennen, ob du es möglicherweise gerade (wieder) mit einem toxischen Menschen zu tun hast, und dann schleunigst zu schauen, wie bzw. dass du aus dieser Beziehung frühzeitg Toxische-Warnsignale-vier-Ueberlebensreaktionen-bei-toxischer-Gewalt_©_Toxiversum_Birte-Vogelwieder rauskommen kannst.


Lesetipp

Pete Walker, „Posttraumatische Belastungsstörung. Vom Überleben zu neuem Leben. Ein praktischer Ratgeber zur Überwindung von Kindheitstraumata

Dr. med. Dunja Voos, „Tritt aus dem Schatten deiner Angst. Tiefe Ängste verstehen, greifbar machen und überwinden. Dein 7-Schritte-Programm

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